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Wissenstransfer der Besten

25.02.2012

Spitzencluster berichteten auf BMBF-Konferenz, wie sie den Technologietransfer in ihren Netzwerken organisieren

Was der Exzellenzwettbewerb für die Hochschulen darstellt, ist der Spitzencluster-Wettbewerb des BMBF für die Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Ende Februar fand in Berlin die Abschlussveranstaltung des Wettbewerbs statt, aus dem in drei Ausschreibungsrunden 15 Sieger-Regionen hervorgegangen waren. In einem von neun Foren stellten drei erfolgreiche Cluster dar, wie sie in ihren Netzwerken den Wissenstransfer organisiert haben.

Im Forum 2 „Wissenstransfer: Chancen und Herausforderungen“ befassten sich Experten mit dem Thema Schaffung, Transfer und Absicherung von Wissen. Es wurde dargelegt, welche Wissens- und Technologietransferansätze in den Clustern bestehen. Darüber hinaus wurde diskutiert, wie ungewollter Wissensabfluss in regionalen Clustern verhindert werden kann und welche Systeme des Wissensmanagements etabliert werden können. Ziel des Forums war es, Chancen, Perspektiven und Grenzen des Wissenstransfers in Clustern auszuloten.

Prof. Stephan Duschek von der Helmut Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg, die mit einem eigenen Projekt über Wissenstransfer und Kommunikation am Luftfahrtcluster Metropolregion Hamburg beteiligt ist, hob hervor, dass sie Weitergabe von Informationen und Erfahrungen auf verschiedenen Ebenen erfolgen müsse. Ein besondere Eigenschaft von Wissen könne mit dem englischen Wort „sticky“ beschrieben werden: Wissen sei „klebrig“ und hafte an seinem Träger an. Zwei wesentliche Formen von Wissen seien in einem Cluster zu unterscheiden: das geteilte und gemeinsame Wissen gegenüber dem verteilten Wissen (dispersed knowledge), das mitunter auch als Machtressource eingesetzt. >

Entsprechend gebe es auch zwei zentrale Instrumente für den Transfer: zum einen Koordinationsmechanismen, die Wissen verteilen und benutzbar halten, zum anderen Anreize, mit denen die Weitergabe von persönlichem Wissen an andere Cluster-Teilnehmer gefördert werde. Dazu zähle unter anderem auch eine „industrielle Atmosphäre“ innerhalb des Netzwerkes, die das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Vertrauen stärke. Erfolgreiche Cluster benötigen für ihren Wissenstransfer ein „ausdifferenziertes Konzept“, das über Methoden und Anreize auf verschiedenen Ebenen (Clusterregion, Organisation, Netzwerke, Individuum) verfüge.

Luftfahrtcluster Metropolregion Hamburg: www.luftfahrtstandort-hamburg.de

Eine Besonderheit des Spitzenclusters MicroTEC Südwest Mikrosystemtechnik Baden-Württemberg e.V. mit Sitz in Freiburg ist seine Ausdehnung auf einen Großteil des Bundeslandes mit den Schwerpunkt-Städten Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg und Villingen-Schwenningen sowie durch unmittelbare Nachbarschaft zu Frankreich und zur Schweiz. Dr. Carsten  Hutt vom Internationalen Studienzentrum Wirtschaft in Freiburg  berichtete von den Erfahrungen des Innovationsprojekts PROMITIS (Initiierung und Beschleunigung von Innovationsprojekten für Mittelstand und Start-Ups), das innerhalb des Clusters „Lotsen für den  Wissenstransfer“ bereitstelle. „Die Lotsen in den lokalen Zentren des Clusters stellen Verbindungen und Beziehungen zwischen den einzelnen Akteuren und Projekten des Clusters her“, erklärte Hutt. „Sie navigieren Akteure und Interessierte durch die Welt der Mikrosystemtechnik im Südwesten“. Eine Internetplattform und ein geplantes Technologiezentrum auf dem Campus der Uni Freiburg schaffe Kristallisationspunkte für den Dialog über die Grenzen von Institutionen, Fachbereichen und Branchen. Anwendungsbereiche der Südwest-MST sind die Branchen Automotive, Life Sciences/Medizintechnik, Maschinenbau/ Produktionstechnik sowie  Automationstechnik/Sensorik.

Das vor sieben Monaten gestartete Projekt habe inzwischen ein strukturiertes  Wissensmanagement-System aufgebaut. Besondere Sorgfalt widmet Promitis den Erstgesprächen mit den Cluster-Akteuren. Hier wird erfasst, welches Wissen sie besitzen und welches ihnen für die Projektziele noch fehlt. Dies führt dann zur Initiierung und Begleitung von Innovationsprojekten,  zur Bündelung der Unterstützung für Start-Ups aus der Mikrosystemtechnik bis hin zur  Konzeption des führenden Technologiezentrums für MST. Zu den Beratungsmodulen zählt auch das Instrument der Innovationsgutscheine.  Hutt: „Unser Ziel ist es, die Region bis zum Jahr 2020 weltführend in der Mikrosystemtechnik zu machen“.

MST BW - Mikrosystemtechnik Baden-Württemberg e.V.
www.microtec-suedwest.de

Dr. Peter Frey, Geschäftsführer des Solarvalley Mitteldeutschland e.V. mit Sitz in Erfurt, ergänzte die Transfererfahrungen seines Spitzenclusters mit den aktuellen Problemen der deutschen Photovoltaik-Industrie: „Uns drückt der Schuh nicht theoretisch“. Solarstrom sei derzeit ein hart umkämpfter Zukunftsmarkt. Deutsche Anbieter stünden unter wachsendem Druck der Billig-Konkurrenz aus China.

Derzeit beinhaltet das Cluster, das sich über drei Bundesländer erstreckt, 16.000 Arbeitsplätze in 35 Unternehmen (und damit 40 Prozent des gesamten PV-Umsatzes in Deutschland) sowie neun Forschungsinstitute und drei Hochschulen. Durch Forschungsanstrengungen habe sich der Wirkungsgrad der Solarzellen von 16 auf 24 Prozent steigern lassen, auch höhere Produktionsdurchsätze wurden realisiert.

„Unser Cluster ist industriegeführt, darauf sind wir stolz“, betonte Frey. Die wirtschaftliche Schlagseite bedeute auch eine schnellere Umsetzung von Innovationen. „Die große Herausforderung für die Photovoltaik ist die Preisreduktion“. Die Kostenziele für die angestrebten Innovationen orientieren sich an den Erfahrungswerten der Vergangenheit: Bei Verdoppelung der installierten PV-Leistung sank bisher der Preis um 20 Prozent. Geschäftsführer Frey: „Das Konzept Solarvalley wird dafür sorgen, dass diese Preis-Lernkurve in die Zukunft , unter Wahrung der Margen bei den Produzenten, fortgeschrieben wird. Es wird damit einen maßgeblichen Beitrag zur Erreichung des Etappenziels Netzparität leisten“. Für die vorherrschende Sonneneinstrahlung in der Region Mitteldeutschland solle dies bereits deutlich vor dem Jahr 2015 erreicht sein.

Das Solarvalley hat sich in elf FuE-Verbünden organisiert, in denen  insgesamt 98 Einzelprojekte realisiert werden, mit rund 280 Naturwissenschaftlern und Ingenieuren.  Das gesamte FuE-Budget beträgt 120 Mio Euro. Die öffentliche Hand — Bundesforschungsministerium und Länderministerien — finanziert 50 Prozent der Aufwendungen.  Neben dieser externen FuE werde auch die firmen-interne FuE ausgebaut, die zu Beginn des Projekts bei 2,5 Prozent des Umsatzes lag. Angestrebt wird eine FuE-Quote von fünf bis sieben Prozent.

Im Cluster werden zwei zentrale Handlungslinien verfolgt: zum einen die Differenzierung der Wertschöpfungskette, zum zweiten die Behauptung der Technologieführerschaft. Dieser technologische Vorsprung, so Frey, sei vor allem durch Wissenstransfer zu erreichen. Dies sei daher auch die Hauptaufgabe in der zweiten Halbzeit des Solarvalleys. Eines der Ziele sei unter anderem, exakter zu verstehen, was physikalisch in den Solarzellen bei der Stromumwandlung geschieht. Dieses Wissen müsse dann sofort durch Patente und IP geschützt werden.

Ein weiterer Schwerpunkt gilt der Bildung, dem Transfer über Köpfe. Bis zum Jahr 2020 werden 30.000 Arbeitsplätze in der  PV-Industrie und ihren Zulieferern in Deutschland neu zu besetzen sein. Frey: „Ein integrales, Länder übergreifendes Bildungssystem soll diesem Anspruch gerecht werden“. Als Sofortmaßnahmen wurden vier neue Bachelor- und Masterstudiengänge gestartet und sieben Stiftungsprofessuren eingerichtet.

Solarvalley Mitteldeutschland e.V.
www.solarvalley.org

Manfred Ronzheimer