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Wissenschaftsmarketing im Aufbruch

20.10.2011

Hochschulen und Forschungseinrichtungen suchen nach neuen Wegen, mit Wirtschaft und Gesellschaft zu kommunizieren

Das zweite Berliner Symposium für Wissenschaftsmarketing, veranstaltet von der TU Berlin ScienceMarketing GmbH, thematisierte in dieser Woche den Beitrag, den das Wissenschaftsmarketing für unsere Gesellschaft leisten kann und muss.

Für Dr. Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, greift ein Wissenschaftsmarketing zu kurz, das lediglich die Erwartungshaltung der Wissenschaft in die Öffentlichkeit tragen will. Nötig sei ein erweitertes Verständnis von Wissenschaftskommunikation. Wissenschaft müsse sowohl den Willen haben, die öffentliche Debatte mit zu gestalten, als auch in der Lage sein, die Sichtweise des Bürgers mit einzubeziehen. Hier böten die neuen Medien neue Chancen. „Aber die Wissenschaft hat noch keine Antwort auf die neue Medienkultur“, stellte Meyer-Guckel fest.

Statt Themen-Konjunkturen zu bedienen, sei eine kontinuierliche Kommunikation über Wissenschaft erfordert. Dazu gehöre, nicht nur über Forschungsergebnisse und ihre Nutzwertigkeit zu berichten, sondern auch Rückschläge in der wissenschaftlichen Arbeit darzustellen. Noch lebe die Wissenschaft, gerade in Deutschland, hinsichtlich ihrer Finanzierungsgarantien auf einer „Insel der Seligen“. Anderswo sei dagegen schon ein stärkerer Rechtfertigungs-Druck zu spüren, Transparenz über die Mittelverwendung herzustellen. In Großbritannien wolle die Politik vorgeben, dass ein Viertel der Wissenschaftsausgaben für Projekte mit unmittelbarem Gesellschaftsbezug vergeben werden. Die britischen Wissenschaftler liefen Sturm dagegen. Gleichwohl seien „neue Partizipations- und Dialogformate“, etwa die Bürgerdialoge neuen Typs, noch nicht ausgereift. Dies beziehe sich auch auf „politische Folgeformate“, die zu einer praktischen Realisierung der in den Bürgerdialogen formulierten Empfehlungen beitragen.

Meyer-Guckel räumte an dieser Stelle ein, selbst über keine Patentrezepte zu verfügen. Vieles müsse in den kommenden Jahren in der Wissenschaftskommunikation neu probiert und auf Brauchbarkeit getestet werden. Auf jeden Fall komme aber auf die deutschen Wissenschaftseinrichtungen die Herausforderung zu, so der Vertreter des Stifterverbandes. „sich viel stärker als bisher in die gesellschaftlichen Debatten einzumischen“.

Der Präsident der Technischen Universität Berlin, Prof. Jörg Steinbach, ging auf das wissenschaftspolitische Umfeld ein, in dem die Wissenschaftseinrichtungen ihr Marketing einsetzen sollten. Die Existenzsicherung von Universitäten und Forschungseinrichtung hänge nicht zuletzt davon ab, ob es ihnen gelinge, im Vorfeld von kontroversen Auseinandersetzungen aktiv ihre Botschaften intelligent und überzeugend in die Gesellschaft hinein zu kommunizieren. „Dadurch kann eine gesellschaftliche Neiddebatte um öffentliche Zuwendung in Bildung, Wissenschaft und Forschung entschärft werden“, war Steinbachs Auffassung. Der Druck, gerade bei den Hochschulen, sich insbesondere in Richtung der Studierenden sichtbar zu positionieren, sei aktuell sehr hoch. Bundesweit liege die Zahl der Studienanfänger um 15 Prozent über der des Vorjahres, in Summe eine halbe Million zusätzlicher Studenten, die in diesem Wintersemester in die Hochschulen strömen. Unter Marketing-Gesichtspunkten sei die mit dem Semesterstart verbundene Aufmerksamkeit in Medien und Politik auch eine Chance, auf notwendige Verbesserungen ind er Ausstattung aufmerksam zu machen.

Dr. Adolf M. Kopp, Geschäftsführer der TSB-Innovationsagentur Berlin GmbH, ging in seiner Keynote-Rede auf die Effekte des Wissenschaftsmarketings auf die Wirtschaftsförderung, speziell den Technologietransfer, und die Regionalentwicklung ein. Die großen Auswirkung von wissenschaftlichen Veränderungen auf die Region, so Kopp, habe er schon in seiner Zeit als Leiter der Wirtschaftsförderung in Karlsruhe festestellen können. Der Zusammenschluß der Technischen Hochschule mit dem Helmholtz-Großforschungszentrum zum „Karlsruhe Institut für Technologie“ (KIT) habe zu einem wirtschaftlichen Investitionsschub in der Region geführt. In Berlin, wo im Vergleich zu westdeutschen Wirtschaftszentren rund 100.000 Industrie-Arbeitsplätze fehlen, müsse es zu deren Aufbau vor allem um drei Kooperationsfelder zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gehen: 1. die Nutzung wissenschaftlicher Angebote für konkrete Transferprojekte, 2. die Kommunikation der Bedeutung von Wissenschaft für Wirtschaft und Gesellschaft generell und 3. die Darstellung des Wissenschaftspotenzials für Ansiedlungsprojekte auswärtiger Investoren.

Die Transferaktivitäten in Berlin werden stark strukturiert durch die Bildung von fünf Technik-Clustern mit ihren einzelnen Akteursnetzwerken. Als Beispiele für diese intensive Vernetzung und ihre Fortschrittseffekte führte Kopp das Zentrum für biomedizinische Diagnostik und die Vorbereitung eines Masterplans für das Cluster Energietechnik an. Darin würde auch Fragen der gesellschaftlichen Akzeptanz angeschnitten, wie sie sich regional etwa im Bereich der Windenergie stellten. Die gesellschaftlichen Implikationen, insbesondere mit Blick auf einen sich abzeichnenden Fachkräftemangel in technischen Berufen, werden von der TSB mit einem besonderen Engagement für die technisch-naturwissenschaftliche Grundbildung in den Schulen aufgegriffen. So unterstützt die TSB das „Genau“-Netzwerk von 16 Berliner Schülerlaboren, das inzwischen über 30.000 Schüler in spielerischer Weise an die Themen Naturwissenschaft und Technik herangeführt und 1100 Lehrer entsprechend weitergebildet hat. In der gesamt-regionalen Ausstrahlung sei zudem mit dem „Masterplan Indsutriestadt Berlin“ ein wichtiger Schritt geleistet worden. Die politische Verankerung des Innovations-Themas sei damit auf höchster Ebene erreicht worden und werde sich, so Kopps Erwartung, auch im neuen Berliner Senat fortsetzen.

Dr. Andreas Möller, acatech-Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, stellte Ergebnisse der empirischen Akzeptanzforschung für Deutschland vor. Danach können Deutschland generell nicht als technikfeindliche Gesellschaft bezeichnet werden. Wohl aber gebe es eine „Technikferne in der veroffentlichten Meinung“. Technik werde in erster Linie als Konsumgut wahrgenommen, nicht aber als Bestandteil eines Wissenskanons. Die Wahrnehmung von Risiken, die mit Technik verbunden sind, ist in Deutschland stark mit ritualisierten Konflikte (Kernkraft) verbunden. Für die Technikkommunikation ergibt sich daraus, dass sie nicht als „Ad hoc-Instrument zur Akzeptabilitatssteigerung“ eingesetzt, sondern als genuiner Bestandteil in die Technikentwicklung integriert werden sollte. Gleichwohl warnte Möller davor, Informationensverbreitung und Marketing als Allheilmittel aufzufassen. Man dürfe keine falschen Erwartungen an eine „rationale Technikmündigkeit“ richten, so Möller. „Nicht fehlende Informationen sind das Problem, sondern einegefühlte Zunahme der Einschnitte in Lebensräume“. Falsch verstandene Aufklärung könne vor diesem Hintergrund sogar zur Steigerung von Ängsten beitragen. Politik und Gesellschaft müssten die Bedeutung von technischen Veränderungsprozessen als Zukunftsvorsorge konstant vermitteln. So sollten etwa die Konsequenzen der Energiewende im Sinne der technischen „Vertrauensbildung“ gegenüber der Bevölkerung offener kommuniziert werden.

Das Agendasetting für innovative Technologien am Beispiel des CO2-freien Kraftwerks schilderte Michael Donnermeyer vom Informationszentrum Klima. Donnermeyer bekannte, dass das anfängliche Kommunikationskonzept, das die umweltfreundliche Kohleverstromung mit dem Einsatz der CCS-Technologie zur unterirdischen CO2-Speicherung in den Mittelpunkt stellte, nicht durchgehalten werden konnte. Man habe zu spät erkannt, welch schlechte Imagewerte die Kohle in der Bevölkerung habe. Hinsichtlich des Umweltbezugs habe die Kohle noch hinter dem Imagewert der Atomkraft rangiert. Dies sei erst durch intensive Befragungen zutage gefördert worden. Die Konsequenz für das Kommunikationskonzept sei gewesen, die CCS-Technologie als solche in den Vordergrund zu stellen und nicht die Verbindung zur Kohle. Jetzt werde der Klima-Aspekt nach vorne gestellt, wobei CCS als Verfahren erläutert werde, mit dem das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Atmosphäre ferngehalten. „Unsere Chance ist“, so Donnermeyer, „dass der Begriff CCS (Carbon Capture and Storage) in der breiten Bevölkerung noch wenig bekannt sei“.



Manfred Ronzheimer



Weitere Informationen:

http://www.tubs.de/symposium2011/