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Wissenschaftler auf der Straße

28.04.2017

Manfred Ronzheimer

Der „March for Science“ macht die gesellschaftliche Relevanz von Forschung zum öffentlichen Thema

Bild: Manfred Ronzheimer

Wissenschaft geht auf die Straße. Am Samstag, den 22. April 2017, fanden unter dem Motto „March for Science“, dem Marsch für die Wissenschaft, weltweit Demonstrationen für die Freiheit der Forschung statt. Während sich in den USA die Aktionen gegen den wissenschaftsfeindlichen Kurs der Trump-Regierung richteten, ging es bei den Kundgebungen in Deutschland und in Wien darum, den Nutzen der Forschung für Gesellschaft und Demokratie in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Besonderheit der Aktionen in Deutschland: Es ist eine spontane Graswurzelbewegung „von unten“, die von Forschern und Wissenschaftsfreunden in privater Initiative geschultert wird.

Tanja Gabriele Baudson, Bildungsforscherin an der TU Dortmund, hat zusammen mit dem Bochumer Komponisten und Regisseur Claus Martin die Sache ins Rollen gebracht. „Der Anlass war für uns der Politikwechsel in den USA“, erklärt die Wissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Begabungsforschung. Ein Präsident an der Macht, für den die Klimaforschung und ihre Faktensammlung zum realen Klimawandel nur Hirngespinste und „FakeNews“ der Chinesen sind – „das hat uns sehr besorgt gemacht“, sagt Baudson. Zumal sich die Bewegung des Populismus auch in anderen Ländern verbreitet.

Kurzum griffen Baudson und Martin die in der US-Wissenschaft kursierende Idee eines öffentlichen Marsches am traditionellen „Earth Day“ (22. April) auf und schlugen sie für Deutschland vor. „Am 29. Januar richteten wir unserer Twitter-Account ein und hatten am gleichen Tag 100 Interessenten, die mitmachen wollten“, erzählt Baudson. Die Idee traf ein Bedürfnis.

Wissenschaftliche Fakten und Demokratie

Zielrichtung der Wissenschaftsmärsche ist nicht Wissenschaftspolitik, sondern Gesellschaftspolitik, vor allem: Demokratiepolitik – die Grundlagen demokratischer Strukturen zu sichern und ihre Bedrohung abzuwehren. „Wir wollen in einer Demokratie leben, in der gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse die Grundlage von Entscheidungen sind – und nicht bloß gefühlte Wahrheiten“, schreiben die Initiatoren auf der Internet-Seite „March for Science Deutschland“ als eine der Zielsetzungen. „Wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der Lügen sich nicht mehr lohnen, weil die Menschen sie durchschauen. Wir wollen, dass der Populismus und seine so genannten ‚alternativen Fakten‘ keine Chance haben.“

„Das Prinzip der Wissenschaft, Dinge kritisch, kompetent und offen zu hinterfragen, muss die Grundlage unseres Handelns bleiben“, unterstreicht der Geowissenschaftler Franz Ossing, der zu den Organisatoren der Demonstration in Berlin gehört. Und das zweite große Signal bei diesem Marsch gehe in die Wissenschaftsgemeinschaft selbst hinein: „Steht auf und artikuliert euch! Forschung und Wissenschaft sind Teil unseres Lebens. Das wollen wir bewusst machen,“ ergänzt Claudio Paganini, ebenfalls vom Berliner Team.

Unerwartete Dynamik

Schon im Vorfeld der Kundgebunden entfaltete sich eine große Dynamik. „Wir sind wahnsinnig überrascht, wieviele Gruppen sich gebildet haben“, sagt Anstoßgeberin Baudson. „Wir hätten nie gedacht, mit unserem Zwei-Personen-Team so etwas loszutreten“.

„Ich habe seit 25 Jahren Kommunikation für die Wissenschaft gemacht“, ergänzt Ossing, der bis zum vorigen Jahr die Pressestelle am Geoforschungszentrum in Potsdam leitete. „Aber eine solche Bewegung habe ich bisher noch nicht erlebt“. Auch viele Nicht-Wissenschaftler engagieren sich. Die wichtigste Organisationsaufgabe der letzten Tage war für ihn: „Den Sack voll Flöhen hüten“, sprich: die Initiativbereitschaft der Vielen unter einen Hut bringen.

Aber auch: Gewisse Interessenszugriffe in Schranken weisen. Der „March for Science“ versteht sich als „überparteilich und überinstitutionelle“ Aktivität und keine Veranstaltung des Wissenschaftssystems. Die großen Forschungsorganisationen und viele Hochschulen hatten zwar Grußadressen geschickt und zur Teilnahme aufgerufen. Doch im Mittelpunkt steht die gesellschaftliche Verankerung von Wissenschaft, wie Franz Ossing hervorhebt: „Dies ist kein Marsch der Wissenschaftler, sondern ein Marsch für die Wissenschaft“.

Die Finanzierung von Plakaten und Lautsprechern mussten und wollten die „Marschierer“ selber leisten. Das erwies sich als nicht ganz einfach, wie der Spendenaufruf auf der Crowdfunding-Plattform „Startnetxt“ zeigte: von den angepeilten 15.000 Euro waren bis zwei Tage vor dem Demo erst knapp 9.000 Euro eingegangen. Am Tag nach dem Event indes war mit 17.000 Euro das erstrebte Ziel dann doch übertroffen. Unterstützung gab es auch von einigen gemeinnützigen Stiftungen, wie der Giurdano-Bruno- und der Klaus Tschira-Stiftung. Die Volkswagenstiftung übernahm in Berlin die Kosten für den Bühnenaufbau.

Starke Teilnehmer-Zahlen: 37.000 in Deutschland

Der Tag der Wissenschaftsmärsche verlief dann erfolgreicher als erwartet. In Deutschland fanden an 22 Orten, überwiegend Univertätsstädten, Märsche für die Wissenschaft und Kundgebungen mit insgesamt über 37.000 Teilnehmern statt. In Berlin zählten die Organisatoren 11.000 Teilnehmer, die von der Humboldt-Universität zum Brandenburger Tor zogen. In München waren es 4500, gefolgt von Tübingen mit 2700 und Frankfurt, Freiburg und Göttingen mit je 2500. Sogar die Nordsee-Insel Helgoland hatte den wahrscheinlich kleinsten „March for Science“ der Welt mit 50 Mitarbeitern und Freunden aus dem dortigen Institut für Meeresforschung.

In Berlin betonte der Moderator der Abschlusskundgebung, der Wissenschaftsjournalist und Fernseh-Moderator Ranga Yogeshwar, dass es sich beim March for Science in Deutschland „nicht um eine Veranstaltung der Wissenschaftsorganisationen von oben nach unten, sondern um eine Grassroot-Bewegung“ handele, die aus privatem Engagement für die Bewahrung wissenschaftlicher Freiheit entstanden sei.

Berlins Regierender Bürgermeister sagte, angesichts der weltweit zunehmenden Wissenschaftsfeindlichkeit habe Berlin „eine ganz besondere Verpflichtung für die Freiheit einzustehen“. Der Berliner Senat solidarisiere sich mit verfolgten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und mit akademischen Institutionen, die in ihrer Existenz bedroht sind. „Deshalb stellen wir uns entschlossen gegen diejenigen, die die Freiheit der Wissenschaft aushöhlen und Unwahrheiten zu alternativen Fakten erheben“, sagte der SPD-Politiker.

Die Stimme der Sozialforschung

Auch die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), Jutta Allmendinger, trat als Rednerin auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor auf. Sie begründete ihre Motivation zur Beteiligung mit den Worten:

„Ich möchte mich solidarisch zeigen und Danke sagen: solidarisch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Ländern, in denen die Finanzierung von Forschung bedroht ist, wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse von der Politik ignoriert werden und die für die Wissenschaft so notwendige Internationalisierung eingeschränkt wird. Die Situation in Ungarn, in der Türkei und auch in den USA schwächt die Wissenschaft weltweit. Mein Dank gilt der guten und zuverlässigen Wissenschaftsförderung hier in Deutschland – sie ist keine Selbstverständlichkeit.“

Auf die Frage, was die Sozialwissenschaften dazu beitragen können, dass der  Populismus und diese Wissenschaftsfeindlicheit in der Gesellschaft zurückgedrängt werden, anwortete Allmedinger:

„Soziale Ungleichheit ist ein Nährboden für Populismus, ebenso wie das Gefühl der Bedrohung durch andere Kulturen. Die Sozialwissenschaften erforschen, wie soziale Ungleichheit entsteht und wie man sie begrenzen kann, z.B. durch Rahmenbedingungen, die das Miteinander der Menschen mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen erleichtern. Indem wir diese Forschungsergebnisse den Bürgerinnen und Bürgern nahe bringen und vor allem auch erklären, wie wir unsere Ergebnisse erzielt haben, können wir der Wissenschaftsfeindlichkeit wirkungsvoll entgegentreten.“

Die Sozialforscherin berichtete den Teilnehmern der Kundgebung von ihrem eigenen Beispiel als sie vor Jahren in den USA lebensgefährlich an Tuberkulose erkrankte, und dort einem ägyptischen Mediziner gerettet werde, der sich mit der Krankheit auskannte. Auch der aus Bulgarien stammende Neurobiologe Vladislav Nachev, einer der Organisatoren der Berliner Veranstaltung, berichete vom seinem persönlichen Fall, wo moderne Medizin sein Leben rettete. „Ohne Wissenschaft stünde ich heute nicht hier“.

Wissenschaft muss offener werden

In weiteren Statements gingen die Präsidenten der Helmholtz- und Leibniz-Gemeinschaften sowie der Freien Universität auf die Notwendigkeit ein, auch in Deutschland die Verständigung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu verbessern. „Die Wissenschaft muss viel offener werden“, sagte Leibniz-Chef Matthias Kleiner, der vor sechs Jahren mit Klaus Töpfer die Ethik-Kommission zur Energiewende leitete. Die Studentin Sara Krieg von der Technischen Universität Berlin forderte auch mehr Freiheiten im Wisenschaftsbetrieb durch Veränderung der Lehre: „Wir brauchen keine Bildung für Arbeitsmaschinen, sondern mehr Räume für Neugier und Inspiration“. Zum Abschluss sang die Berliner Versammlung das Protestlied aus dem Vormärz „Die Gedanken sind frei“.

Die Initiatoren der deutschen Wissenschaftsmärsche, Claus Martin und Tanja Gabriele Baudson, zeigten sich mit der Resonanz sehr zufrieden: „Dass so viele am Samstag auf die Straße gegangen sind, zeigt uns, wie wichtig den Menschen hier in Deutschland die Freiheit der Wissenschaft ist.“ Das Momentum der Initiative wollen die beiden auf jeden Fall nutzen: „Wir haben über unsere Webseite marchforscience.de bereits viele Ideen erhalten, wie sich die Ziele des March for Science konkretisieren lassen“.

Auch die zuständige Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unterstützt „das Kernanliegen des weltweiten Marsches: Freiheit von Forschung und Lehre“. Die Beschäftigtenvertrteter mahnten auch aber die entsprechenden Rahmenbedingungen an, wie „auskömmliche Finanzierung und faire Beschäftigungsbedingungen“. Insofern gebe es auch in Deutschland Grund zu Sorge, mahnte GEW-Vize Andreas Keller: „Wenn neun von zehn wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit einem Zeitvertrag abgespeist werden, bleibt das nicht ohne Folgen für die Kontinuität und Qualität sowie Kritik- und Innovationsfähigkeit wissenschaftlicher Arbeit“.

Folgewirkungen für die Kommunikation

Auf Folgewirkungen der Demos hoffen auch die Wissenschaftsjournalisten. So hatte die Wissenschaftspressekonferenz (WPK) ihre Mitglierversammlung am Samstag zeitweilig in die Bonner Kundgebung verlegt. Der frühere Leiter des Magazins „Bild der Wissenschaft“, Reiner Korbmann, äußerte die Erwartung, „dass der 22. April keine „Eintagsfliege“ bleibt, sondern dass er tiefgehende Veränderungen in den Köpfen der Wissenschaftler und der Wissenschaftskommunikatoren auslöst“. Denn dort herrsche immer noch die Ansicht vor, „Wissenschaftskommunikation diene vor allem dazu, Forschungsergebnisse möglichst verständlich und attraktiv den Nicht-Wissenschaftlern nahezubringe“. In seinem Blog „Wissenschaft kommunizieren“ hält Korbmann dagegen: „Das ist zu kurz gesprungen: Ihre wahre Rolle für die Gesellschaft spielt Wissenschaft erst dann, wenn es ihr gelingt, neben den Fakten auch das konstruktive kritische Denken in die gesellschaftliche Debatte einzubringen.“

Auch der Berliner Bildungsjournalist und zwischenzeitliche Kommunikationschef der Helmholtz-Gemeinschaft Jan-Martin Wiarda sieht im March for Science „einen hervorragenden Anlass, die Wissenschaftslenker beim Wort zu nehmen: Steckt mehr Geld in institutionenübergreifende Aktionen!“ Sein Vorschlag an die Präsidenten der Wissenschaftsorganisationen: „Lasst eure Forscher den Bürgern nicht so viele Vorträge halten, sondern setzt sie mit den Bürgern an einen Tisch.“ Das mache auch den Wissenschaftlern mehr Spaß, „und der Rest ergibt sich dann von ganz allein.“

Der Marsch für die Wissenschaft: ein demokratischer Spaziergang mit offenen Ausgang. Man darf gespannt sein, welche Langzeitwirkungen von ihm ausgehen. „Citizen Science“ wird politisch.

(Dieser Text erschien auch auf N21)

 

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