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Wissenschaftspolitik

Wissenschaft als Kompass

07.06.2015

Manfred Ronzheimer

Bundeskanzlerin Merkel spricht auf dem Leibniztag der BBAW. Die Wissenschaft dient der Politik als wichtiger Kompass für die Gestaltung der Zukunft und Abwendung von Gefahren. Dies betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Samstag auf dem Leibniztag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW), der im vollbesetzten Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt begangen wurde. (5) „Die Stimme der Wissenschaft findet bei uns Gehör", versicherte die Regierungschefin den versammelten Wissenschaftlern. „Wir sind auf Ihre Beratungen und Expertisen angewiesen".

Foto: Manfred Ronzheimer

 

Konkret verdeutlichte Merkel dies an drei Themen, die mit wissenschaftlicher Vorbereitung von den Politikern auf dem G7-Gipfel der führenden Industrienationen in Schloss Elmau beraten werden: der Schutz der Meere, Mittel gegen die Antibiotika-Resistenz und bisher vernachlässigte Tropenkrankheiten. Hierzu hatten die wissenschaftlichen Akademien unter Führung der Leopoldina der Bundesregierung vor einigen Wochen entsprechende Empfehlungen übergeben. Es komme nun darauf an, diese Empfehlungen auf die Ebene globalen Handelns zu übertragen. Dies solle auf dem G7-Gipfel geschehen. An Themen der nationalen Wissenschaftspolitik äußerte sich die Kanzlerin zur Exzellenzinitiative und dem Finanzierungsanteil des Bundes, dem 3-Prozent-Ziel der FuE-Quote am BIP, der Grundgesetzänderung für mehr Bundesengagement im Hochschulbereich, BAföG, Studentenzahlen, MIT-Fächer, Ausländer-Attraktivität, Karrierewege in der Wissenschaft („Fehlentwicklungen entgegenwirken"), Wissenschaftszeitvertragsgesetz, et cetera. Neuigkeiten waren leider nicht darunter.

Zuvor hatte Merkel im ersten Teil ihrer 20-minütigen Ansprache an die Wurzeln der alten Preußischen Akademie und ihre Neugründung 1993 erinnert. An der damals begonnenen „Erfolgsgeschichte" der BBAW habe der scheidende Präsident Professor Günter Stock großen Anteil. „Ihre Erfahrungen sind auch auf europäischer Ebene gefragt", sagte Merkel.

 

Ämtertausch im Oktober

Höhepunkt des Leibniztages war die Übergabe der goldenen Akademie-Amtskette von Stock an seinen Nachfolger Grötschel am Ende der Veranstaltung. Der förmliche Amtsantritt des neuen BBAW-Präsidenten erfolgt Anfang Oktober, quasi im Ämtertausch. Stock übernimmt dann den Vorsitz des Einstein-Stiftung, jenes Amtes, das Grötschel jetzt innehat.

Stock hatte die BBAW zehn Jahre geführt. Alle Redner der Veranstaltung, unter ihnen die Finanziers der Akademie, Berlins Forschungssenatorin Yzer und Brandenburgs Wissenschaftsministerin Kunst, gingen darauf ein und würdigten die Leistungen Stocks. Die BBAW sei heute „ein Juwel der Wissenschaftslandschaft", so Kunst.

In seinem jährlichen Rechenschaftsbericht ging Stock selbst auch auf den gesamten Zeitabschnitt ein. Für ihn habe im Mittelpunkt der Aufbau einer „modernen Arbeitsakademie" gestanden. Neben der Fortführung großer Langzeitprojekte, die Pflichtaufgabe, bedeutete für Stock die Formung einer neuen wissenschaftlichen Politikberatung eine besondere Herausforderung, die Kür. Die Akademie sollte „neben den Aufgaben der klassischen Gelehrtengesellschaft einen sichtbaren Beitrag zur Lösung gesamtgesellschaftlicher Probleme leisten", formulierte es Stock. Wörtlich führte er in seiner Rede aus:

„Wenn man die Aufgaben einer modernen Akademie wie der unsrigen auf einer hohen Aggregationsstufe beschreiben wollte, dann wären folgende Themen zu nennen, nämlich Forschung zu betreiben, ferner sorgfältig darauf zu achten, wie die Forschungsbedingungen erhalten oder verbessert werden können, und schließlich einen Beitrag zur Grundverständigung zwischen denen, die Forschung betreiben und der Bürger- beziehungsweise Zivilgesellschaft zu leisten. Die Reflexion über uns selbst, das heißt wie wir Wissenschaft betreiben, wie wir unsere Aufgabe verstehen und öffentlich machen, sind ebenfalls von eminenter Bedeutung." (1)

Auf seine Äußerung des vergangenen Jahres, der befürchtete zu starke Einfluss der Zivilgesellschaft auf die Wissenschaft und ihre Freiheit, die durch einen aufmerksamen Wissenschaftsjournalisten eine Kontroverse in der Wissenschaftspolitik nach sich zog, ging der BBAW-Präsident nicht ein. Keine Rechtfertigung, kein Öl ins Feuer, eher der Rauch einer Friedenspfeife: Stock kündigte eine enge Kooperation mit der Zivilgesellschaft an, und zwar in Form eines „Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung".

Die entsprechende Passage in der Rede lautet so: „Eine weitere Art der Forschung an der Akademie besteht in der Gründung von Initiativen, die ich an unserem jüngsten Beispiel erläutern möchte: Ohne Frage ist der zivilgesellschaftliche Umgang mit kultureller Heterogenität – Reaktion auf Demokratieskepsis und das Wirtschaften unter den Vorzeichen von „Postwachstum" – für die heutige Gesellschaft zentral. Forschung zu dieser für unser Zusammenleben elementaren Frage findet jedoch nur vereinzelt und wenig institutionalisiert statt. Wir verfolgen in diesem Zusammenhang daher konkret das Ziel, ein Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung zu schaffen." (1)

 

Dialog mit der Bürgergesellschaft

Auf die Schnittstelle Wissenschaft/Gesellschaft kam Stock nach Bemerkungen zur europäischen Forschungspolitik (der erfolgreichen Steigerung der Geistes- und Sozialwissenschaften im EU-Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020) ein weiteres Mal zu sprechen. Er benutzte die Formulierung „Dialog mit der Bürgergesellschaft" und ging auf die Beratungen der WÖM-Gruppe der Akademien ein (gesonderte Kommentierung von mir folgt). Wörtlich sagte Stock:

„Ich glaube, dass Akademien hier eine ganz besondere Aufgabe, aber auch besondere Möglichkeiten haben. Es ist erfreulich, dass Umfragen zufolge das Wort der Wissenschaftler bei der Bevölkerung noch immer zählt und dies ist ein Pfund, mit dem es sorgfältig umzugehen heißt. Bereits erwähnt hatte ich, dass wir in einer eigenen interdisziplinären Arbeitsgruppe Leitlinien für dieses nicht ganz leichte, aber gleichwohl notwendige Unterfangen erarbeitet haben, die ihrerseits Grundlage für die Arbeit aller deutschen Akademien wurden.
Darüber hinaus formulieren wir momentan Kriterien, wie wir wissenschaftliche Ergebnisse in die Wissenschaft, aber auch in die Bürgergesellschaft hinein kommunizieren. – Ein Thema, das angesichts der sozialen Medien und der Tatsache, dass wissenschaftliche Ergebnisse häufig schneller im Politikteil von Zeitungen oder im Feuilleton auftauchen als im eigentlichen Wissenschaftsteil, Konsequenzen haben muss für die Art, wie wir unsere Daten kommunizieren. Und hier geht es insbesondere um Qualität.
Theodor Heuss hat einmal gesagt: „Qualität ist das Anständige". Je mehr man sich mit der Kommunikation wissenschaftlicher Daten beschäftigt, umso stärker leuchtet dieser Satz ein, denn es geht darum, rechtzeitig transparent und ehrlich, aber ohne Hype und Heilsversprechungen, aber auch ohne Hysterie und Dramatisierung zu kommunizieren. Dies alles gelingt dann am besten, wenn sich eine Akademie der Wissenschaften wie die unsrige langfristig und glaubwürdig in der Öffentlichkeit als Teil derselben definiert. Dies zu versuchen, hatte ich bei meiner Amtsübernahme versprochen."
(1)

 

Die Raute von Teterow

In der anschließenden kurzen Ansprache von Grötschel, mit starker Akzentuierung der mathematischen Ahnen-Linie der Akademie seit Leibniz' Gründung, wurden erste Konturen der kommenden Präsidentschaft deutlich. Die BBAW wolle sich stärker an der politischen „Digitalen Agenda" in Berlin und im Bund beteiligen, und im Haus die „Digital Humanities" pflegen. „Viele versprechen sich hierdurch neue Impulse für die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften – auch ich. Die von Mathematik und Informatik bereitgestellten Werkzeuge werden die Geisteswissenschaften bereichern und ihnen neue Erkenntnismöglichkeiten eröffnen. Aber ohne Expertenwissen sind Daten und Werkzeuge nutzlos, erst die Kombination vieler Fähigkeiten wird den erhofften Gewinn bringen. Die Akademie wird ihre Aktivitäten in Digital Humanities auf möglichst vielfältige Weise verstärken." (2)

Den Lacher des Tages erzielte Grötschel mit einem Foto aus dem Jahre 1971, das der erfolgreichen Bewerbung Berlins als Sekretariatssitz für die International Mathematical Union beigefügt war. Das Bild zeigte eine Schülergruppe, die sich in Neubrandenburg siegreich an der nationalen Mathematikolympiade der DDR beteiligt hatte, unter ihnen die junge Angela Kasner. „Dass Deutschland eine auch mathematisch talentierte Bundeskanzlerin hat, hat das Weltparlament der Mathematik begeistert", berichtete Grötschel. Die Pointe war ein Foto-Zoom auf die Hände der jungen Schülerin, die sich bereits damals zur charakteristischen „Merkel-Raute" formte. Im Konzerthaus lautes Lachen auf allen drei Rängen.

Im Weiteren wurde noch eine Auszeichnung posthum an den ehemaligen MPG-Präsidenten Zacher verliehen (3) und fünf Wissenschaftler als neue Akademie-Mitglieder aufgenommen: Friedhelm von Blanckenburg, Peter Fratzl, Christoph Kutter, Katharina Pistor, Markus Stommel (4)

 

(1) Zur Grußansprache von Günter Stock (PDF)
http://www.bbaw.de/veranstaltungen/2015/juni/leibniztag-2015-ansprache-stock

(2) Zur Ansprache von Martin Grötschel (PDF)
http://www.bbaw.de/veranstaltungen/2015/juni/leibniztag-2015-ansprache-groetschel

(3) http://www.bbaw.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2015/zacher

(4) http://www.bbaw.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2015/neue-mitglieder-2015

(5) Programm der Festveranstaltung | 06.06.2015 10:00 Uhr - 13:00 Uhr
http://www.bbaw.de/veranstaltungen/2015/juni/leibniztag