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Was Forscher antreibt

03.06.2011

Interview mit dem Präsidenten der MPG

Prof. Peter Gruss, Quelle: MPG

lemmens online: Herr Professor Gruss, Sie führen Deutschlands bedeutendste Organisation für Grundlagenforschung, die Max-Planck-Gesellschaft. Sie als Biologe gefragt: Was ist das Spannende an Forschung? Was treibt einen Forscher an?

Prof. Peter Gruss: Einen Forscher treibt das an, was uns alle antreibt: die schlichte Neugier. Wir wollen etwas herausfinden, was noch nicht bekannt ist. Der Forscher verknüpft diese Neugier nur mit einer systematischen Vorgehensweise. Das heißt, er formuliert zunächst eine Hypothese, die er mit einer experimentellen Fragestellung überprüft. Die Bestätigung ist dann für den Laien höchst abstrakt - das kann ein gereinigtes Molekül oder ein leuchtender Punkt in der Zelle sein. Als Biologe beispielsweise möchte ich verstehen, wie die molekularen Prozesse in der Natur ablaufen. Um schließlich deren Mechanismen zu erklären.

Wie sehen Glücksmomente des Forschers aus? Wenn ein gutes Ergebnis zustande kommt?

Der Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman hat die Arbeitsweise eines Forschers einmal als sogenannten Puzzle-Drive bezeichnet. Im bildhaften Sinn heißt das, dass man den Willen und den Antrieb hat, einem Puzzle weitere Teile hinzuzufügen. Der einzelne Forscher untersucht dabei in der Regel ganz spezielle Detailfragen. Das Glücksmoment tritt dann ein, wenn Sie ein Teil hinzufügen können, sodass sich das Ganze zu einem Bild zusammenfügt. Wenn also auf einmal erkennbar wird, was vorher nicht zu sehen war.

Forschen kann auch Ergebnisse produzieren, die ethisch nicht vertretbar sind. Die Ambivalenz der Atomforschung ist ein bekanntes Beispiel. Wie sehr muss der einzelne Forscher die Folgewirkungen seines Tuns mit bedenken, oder müssen ihm Kontrolleure zur Seite gestellt werden, die einen Missbrauch von Wissenschaft frühzeitig unterbinden?

Sie sprechen das Spannungsfeld zwischen Forschungsfreiheit und Forschungsrisiken an. Ganz eindeutig: Der Forscher kann aus seiner Verantwortung nicht entlassen werden. Er muss mögliche Folgen mit bedenken. Diese Verpflichtung können ihm andere nicht abnehmen. Denn wer zuerst eine Tür öffnet, sieht auch als erster, was dahinter steckt. Kontrollinstanzen können das gar nicht vorher erkennen. Es muss also eine wissenschaftliche Selbstverpflichtung geben, auf alle möglichen Implikationen hinzuweisen. Die Frage ist dann, wie wir mit den Ergebnissen umgehen. 1975 beispielsweise haben Wissenschaftler aus der ganzen Welt auf der Asilomar-Konferenz in Kalifornien über die Entwicklungen in der Molekularbiologie diskutiert und Regeln entworfen, um mögliche Grenzverletzungen zu verhindern. Diese Ergebnisse sind mittlerweile in die meisten staatlichen Regelungen zur Gentechnik eingeflossen. In der Max-Planck-Gesellschaft haben wir eine Ethik-Kommission, die sich u.a. auch mit Regelungen zum „Dual Use“ von Forschungsergebnissen befasst hat, also Forschungsergebnisse, die nicht nur einer friedlichen, sondern möglicherweise auch einer kriegerischen Anwendung zugeführt werden können.

Vom Bioforscher in Göttingen zum Forschungsmanager in München – wie hat das Präsidentenamt den Wissenschaftler Peter Gruss verändert?

Wenn ich bei dem erwähnte Puzzle-Beispiel bleibe, dann ist es das gleiche Spiel geblieben, nur auf einer anderen Ebene. In meinem Göttinger Labor habe ich an meinem eigenen, aber eben doch kleinteiligen Forscherpuzzle gearbeitet. Als Präsident einer großen Forschungsorganisation bin ich im ständigen Austausch mit Top-Wissenschaftlern, die auf vielen Gebieten arbeiten. Ich erfahre von ihnen, woran sie forschen und wo sie die aktuellen Grenzen ihres Faches sehen. Dadurch bekomme ich ein sehr viel umfassenderes Bild von der Wissenschaft. Ich kann aber nicht verhehlen, dass es Phasen in meiner Arbeit gibt, wo auch ein bisschen Wehmut aufkommt. Denn ich bin in meinem Job heute sehr viel mehr von externen Faktoren abhängig. Es gilt, unterschiedliche Interessen zu koordinieren und politische Überzeugungsarbeit zu leisten – das ist einfach nicht dasselbe wie das unmittelbare Laborerlebnis.

Wie zufrieden ist die MPG mit der Forschungspolitik der Bundes- und Landesregierungen?

Nach meiner Einschätzung hat sich die Lage in den vergangenen Jahren durch die wegweisenden Instrumente wie die Exzellenzinitiative für die Hochschulen und den Pakt für Forschung und Innovation erkennbar verbessert. Und es war eine wichtige Weichenstellung, dass sich Bund und Länder – trotz der Finanzkrise – zur Fortführung des Forschungspakts und damit einer fünfprozentigen Budgetsteigerung für die deutsche Forschung über fünf Jahre entschieden haben. Das war ein starkes politisches Signal, das in der Welt große Beachtung gefunden hat, und gerade auch in Europa Vorbildwirkung entfaltet.

Aber es gibt doch sicherlich auch Reibungspunkte mit der Politik.

Um bei der Finanzierung zu bleiben. Deutschland kommt zwar an das so genannte Lissabon-Ziel, drei Prozent seines Bruttoinlandprodukts für Forschung und Entwicklung zu investieren, immer näher heran. Aber müssen wir nicht noch mehr investieren? Nehmen Sie zum Beispiel Südkorea, ein Land, das binnen weniger Jahrzehnte einen rasanten Aufstieg vom armen Agrarstaat hin zu einer führenden Technologie-Nation genommen hat. Südkorea wird mehr und mehr in die Grundlagenforschung investieren und will bis 2015 seine Forschungsausgaben auf fünf Prozent des BIP steigern, das ist schon bemerkenswert. Es ist auch die Frage zu stellen: Wo sind die Gelder am besten investiert? Deutschland fördert noch nicht hinreichend wissenschaftsgeleitet und qualitätsorientiert. Bei der Verteilung von Forschungsmitteln dürfen keine Finanzierungsmodalitäten im Vordergrund stehen. Deshalb wird jetzt auch von Expertenseite vorgeschlagen, die Forschungsorganisationen nach einem gemeinsamen Schlüssel zu finanzieren.

Muss sich die MPG um wirtschaftliche Anwendungen kümmern? Ihre Aufgabe ist doch die zweckfreie Grundlagenforschung.

Sicher, die neugiergetriebene Grundlagenforschung steht bei uns im Vordergrund. Aber wir arbeiten ja keineswegs im Elfenbeinturm, sondern stehen mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Die Frage, welchen Forschungsthemen wir uns annehmen, wird auch durch die Gesellschaft beeinflusst. Fest steht: Grundlagenforschung hat einen immanent hohen volkswirtschaftlichen Wert und je technologieabhängiger eine Wirtschaft ist, desto mehr Investitionen sollten in die Grundlagenforschung getätigt werden. Warum? Weil nur Grundlagenforschung zu sogenannten Durchbruchsinnovationen führt. Angewandte Forschung beschäftigt sich zielgerichtet mit Verbesserungsinnovationen. Grundlagenforschung generiert dagegen wirklich vollkommen Neues – auch wenn sich diese Neuerungen nicht planen lassen. Ein schönes Beispiel dafür ist die Entwicklung des Internet: Tim Berners-Lee, ein Physiker am CERN, wollte nur den Datentransfer zwischen zwei Instituten verbessern und erfand das WorldWideWeb. Und welche Veränderungen das mit sich gebracht hat, erfährt inzwischen jeder in seinem Alltag.

Aber hat sich die MPG in jüngster Zeit nicht stärker der Wirtschaft angenähert?

Wir haben eine Tochtereinrichtung, die Max-Planck-Innovation, die sehr erfolgreich Forschungsergebnisse aus unseren Instituten in die Wirtschaft vermarktet. Die Verwertungserlöse betrugen im vergangenen Jahr um die 16 Millionen Euro. Darüber hinaus gilt jedoch, dass viele Ergebnisse aus den Laboren der Grundlagenforscher in der Regel noch nicht reif sind für die Wirtschaft. Deshalb haben wir beispielsweise das Lead Discovery Center in Dortmund gegründet, das inzwischen drei chemische Grundstrukturen erfolgreich weiter entwickelt und zwei davon auch schon an die Industrie lizensiert hat. Am Forschungszentrum caesar in Bonn haben wir einen Life Science Inkubator eingerichtet. Junge Wissenschaftler bekommen hier zwei Jahre lang eine Vollfinanzierung für ihre Projekte, wenn diese – wohlgemerkt durch die Wirtschaft – als erfolgversprechend eingestuft werden.

In Umfragen unter Naturwissenschaftlern wird die MPG seit Jahren als der beliebteste Arbeitgeber in Deutschland angegeben. Was ist Ihr Betriebsgeheimnis?

Wir bieten jungen Forschern eine intellektuell anspruchsvollste Umgebung, in der sie ihre kreativen Potenziale optimal entfalten und auch ihre nächsten Karriereschritte machen können. Wir haben derzeit 5600 Doktoranden – und eine interne Umfrage unseres Doktorandennetzwerks hat ergeben, dass zwei Drittel von ihnen sich bei uns sehr gut aufgehoben fühlen.

Kann es vielleicht auch an der Bezahlung liegen?

Nein, ganz sicher nicht. Tatsächlich sind die Stipendiensätze in Deutschland international nicht wirklich konkurrenzfähig.

(Die Fragen stellte Manfred Ronzheimer)