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Quo vadis, Wissenschaft?

25.06.2013

Anita Widera

Bericht von der Podiumsdiskussion „Helmholtz & Uni“ in Köln

Bild: © Patric Fouad / pfp

Wie soll sich die deutsche Wissenschaft künftig organisieren? Welche Rolle spielen die Hochschulen und welche die außeruniversitäre Forschung? Zu einer Diskussion darüber haben kürzlich der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft und der Rektor der Universität zu Köln eingeladen. Schaut man sich in der deutschen Wissenschaftslandschaft um, beobachtet man einen regen Betrieb: Kooperationen, Cluster, Allianzen, Forschungsregionen zu den unterschiedlichsten Forschungsthemen und an den unterschiedlichsten Plätzen der Republik entstehen am laufenden Band. Angetrieben wird das ganze durch die vielen Förderprogramme und finanziell gut ausgestattete Wissenschaftsorganisationen.

„Der Wissenschaftsstandort Deutschland war in der Nachkriegszeit noch nie so attraktiv wie heute“, sagt Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Die komfortable Situation ist die Folge unzähliger Förderungen und prall gefüllter Fördertöpfe für Forschung und Entwicklung. Sie heißen Hochschulpakt, Exzellenzinitiative oder Pakt für Forschung und Innovationen. Sie haben aber auch einen großen Nachteil, denn sie sind zeitlich befristet und laufen in den nächsten drei bis fünf Jahren aus. Also ziemlich genau dann, wenn Haushaltskonsolidierung prioritär wird, weil ab 2016 der Bund und ab 2020 die Länder die gesetzlich verankerte Schuldenbremse anziehen müssen.

Auch Axel Freimuth, Rektor der Universität zu Köln, der es mit seiner Hochschule geschafft hat, in der letzten Runde zu den Elite-Universitäten aufzusteigen, und damit zusätzliche Finanzierung bis 2017 zu sichern, fragt sich, was kommt danach? Was passiert beispielsweise mit den erfolgreichen Clustern, die im Rahmen der Exzellenzinitiative entstanden sind, wenn die Förderung ausläuft? Die Antworten wollen sowohl Freimuth als auch Mlynek gemeinsam mit anderen Akteuren aus der Wissenschaft suchen und luden zu einem Disput im Neuen Senatssaal der Universität zu Köln ein. Auf dem Podium diskutierten außerdem die Generalsekretärin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Dorothee Dzwonnek und der Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs der Universität Köln, Gereon Fink. Das Gespräch führte die Leiterin der Wissenschaftsredaktion der Deutschen Welle, Manuela Kasper-Claridge.

„Mehr Mut, mehr Phantasie und mehr Experimentierfreude“ bei der Entwicklung von Zukunftsszenarien für die Wissenschaftslandschaft fordert der Chef der Helmholtz-Gemeinschaft. Dass er das nicht nur fordert, sondern auch selbst wagt, bewies Mlynek im vergangenen Herbst, als er das Strategiepapier Helmholtz 2020 vorgelegt hat und damit eine heftige Kontroverse entfachte. Dieser Vorstoß hat der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands einiges an Kritik gebracht, bis zu dem Vorwurf des alleinigen Machtanspruchs, zu bestimmen, was in Deutschland erforscht werden soll. Zwar hat die Helmholtz-Gemeinschaft den Auftrag des Bundes, große nationale und gesellschaftlich relevante Themen zu identifizieren und zu erforschen, doch einen Alleinanspruch erhebt sie nicht, sagt Mlynek. Es sei ihm aber schon darum gegangen, „Tabus zu brechen“ und neue Formen von Zusammenarbeit ins Gespräch zu bringen. Dazu gehöre beispielsweise Projektförderung durch Forschungsorganisationen und Universitäten. Bei dieser Frage allerdings, wer die Forschung und wer die Forschungsförderung übernehmen soll, ist für Dorothee Dzwonnek die Antwort eindeutig: Beides sollte getrennt bleiben. Diskutiert werden sollten aber durchaus neue Kooperationsformen für gesellschaftlich wichtige Themen.

Auf die Frage der Moderatorin hin, was exzellente Forschung braucht, stimmten alle Teilnehmer dem Universitätsrektor Freimuth zu: „Eine exzellente Forschung braucht vor allem exzellente Wissenschaftler.“ Was braucht also ein exzellenter Wissenschaftler? „Als Wissenschaftler ist man zunächst nicht so sehr an der Wissenschaftspolitik interessiert, sondern an seinem Fach und dem Zugang zur Forschung“, sagt Gereon Fink als Vertreter der Zunft. „Man will auch nicht gleich unbedingt ein Max-Planck- oder Fraunhofer- oder Helmholtz-Wissenschaftler werden.“ Fink forscht selbst auch am Forschungszentrum Jülich, das der Helmholtz-Gemeinschaft angehört. Doch für Wissenschaftsmanager - wie Hochschulrektoren oder Leiter von Forschungseinrichtungen – ist der Zugang zur Forschung am Ende immer eine Geldfrage, denn es bedeutet letztendlich gut funktionierende Infrastruktur. Und deren Kosten steigen nun mal proportional zum Erfolg der Forschung.

Es gab auch noch einen weiteren Konsens, nämlich dass die Universitäten den Kern der Wissenschaftslandschaft bilden, denn schließlich werden hier die später herausragenden Forscherpersönlichkeiten geformt. Nur freut dies die Hochschulrektoren gleichermaßen, wie es sie irritiert. Denn während die außeruniversitären Forschungsorganisationen in den Genuss von Grundfinanzierungsraten durch Bund und Länder – die Steigerungsrate bei der Helmholtz-Gemeinschaft im Jahr 2012 betrug acht Prozent – kommen, bewegen sich Universitäten in engen finanziellen Räumen, oder sie fokussieren sich stärker auf die von der Wirtschaft und Gesellschaft vorgegeben Forschungsthemen. Aber auch dann sind Spielräume viel enger: So werden beispielsweise die Exzellenzcluster der Universitäten fünf Jahre lang finanziert, während Forschungsorganisationen mit 20 Jahren Finanzierungssicherheit planen können.

„Dem Bildungsauftrag ist die disziplinäre Breite der Universitäten geschuldet, und das wollen wir gewährleisten“, sagt Freimuth. Dazu gehört eben Lehre und Forschung auch in den nicht so wirtschaftsrelevanten Fächern, die aber durchaus kulturrelevant sind, nur nicht so sehr von Förderungen profitieren können. Und auch wenn sie als Universität gesellschaftlich akute Themen durchaus aufgreifen, hält der Rektor der Kölner Universität dieses „Korsett der Programmorientierung“ für problematisch. Zudem gilt die Regel, „je erfolgreicher die Forschung, desto teurer die Infrastruktur“.

Die allgemeine abschließende Botschaft war, dass alle Sparten des Wissenschaftssystem, also Hochschulen, Forschungsorganisationen und Förderinstitutionen zusammenhalten sollten, um gemeinsam die nötigen Rahmenbedingungen für die Zeit nach dem Forschungsförderboom formulieren und bei der Politik einfordern. Dazu sind solche Debatten nötig und sollten weiter fortgeführt werden. Eine der bereits stehenden Forderungen, die alle eint, ist die Aufhebung des Kooperationsverbots, dass den Bund daran hindert auch die Hochschulen zu fördern, über andere gibt es noch Diskussionsbedarf.