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PR für die Weltraumforschung

04.06.2014

K. Rüdiger Durth

Alexander Gerst ist nicht nur ein exzellenter Geophysiker

Alexander Gerst ist etwas gelungen, was der deutschen Wissenschaft schon lange nicht mehr vergönnt war: Breites öffentliches Interesse für die Raumfahrt, die ja nicht nur Raketen ins All schießt, sondern dort auch wichtige Forschung betreibt, die uns allen auf der Erde von Nutzen ist. Wann hat es schon einmal für einen deutschen Wissenschaftler ein Public Viewing in der Kölner Altstadt gegeben, wo hunderte Menschen den Start des 38-jährigen auf einer riesigen Leinwand mit großer Spannung und Beifall verfolgten?

Bild: DLR/Evi Blink

Bild: DLR/Evi Blink

Obwohl der dritte deutsche auf der ISS aus Baden-Württemberg stammt, haben die Kölner ihn längst als einen der ihren in ihr Herz geschlossen. Und das nicht nur, weil er zum Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum Köln gehört oder ein kleines Stückchen vom Weltkulturerbe Kölner Dom mit ins All genommen hat, das sicherlich nach Gersts Rückkehr einen Ehrenplatz im Dom erhalten wird.

Gerst hat die Menschen teilhaben lassen an seiner mühsamen Arbeit, als deutscher Astronaut für ein knappes halbes Jahr um die Erde zu kreisen und zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen. Er setzte sich gegen viele hundert Mitbewerber durch, rackerte sich drei Jahre lang für den Einsatz im All ab, paukte Russisch, weil die Russen die Sojus-Raketen für die ISS bauen und ins All schießen. Und kurz bevor Gerst auf seine Reise ins All startete, twitterte er: „Ich würde euch gerne alle mitnehmen.“  Und später staunte er – wie alle seine Vorgänger – über den fantastischen Blick auf die blaue Erde, mit der die Menschen alles andere als pfleglich umgehen.

Einen neuen Aufbruch zum Abenteuer Forschung wagen

Der dritte Deutsche auf der ISS hat durch seine menschliche Arbeit mehr Interesse für die Raumfahrt geweckt als manche noch so spannende Forschung in abgeschotteten Labors. Bleibt zu hoffen, dass das Interesse an seiner Weltraummission nicht nachlässt und dazu beiträgt, die Millionen Euro für den Weltraum nicht als nutzlose Geldverschwendung abzutun und junge Menschen für das Abenteuer Weltraum zu begeistern, für das der alte Grundsatz  gilt: „Ohne Fleiß kein Preis.“

Was hat sich Alexander Gerst nicht für diesen Flug abgerackert – und was ist das alles schon gemessen an dem, was er jetzt in der Schwerelosigkeit erforschen kann – von der Inbetriebnahme eines neuartigen Hightech-Schmelzofens zum Test neuartiger Legierungen, die für die Industrie auf der Erde von größter Bedeutung sind. Ferner geht es darum, wie Emulsionen – die auch in der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie verwandt werden – stabiler gemacht werden können. Und es geht um die Prozesse des Alterns. Denn in der Schwerelosigkeit läuft im Zeitraffer das Gleiche ab, was Menschen auf der Erde erleben. Aber auch für Kinder ist etwas dabei: Lassen sich Seifenblasen mit Hilfe von Schallwellen bewegen?

Diese wenigen Beispiele zeigen, wie wichtig die Weltraumforschung für uns Menschen auf der Erde ist. Zugleich dürfte Alexander Gerst nach seiner Rückkehr viel zu berichten haben, dass der Mensch erheblich größere Anstrengungen unternehmen muss, um seinen herrlichen blauen Planeten für die Zukunft zu sichern. Das erfordert die Anstrengungen nicht nur der Politiker, den CO²-Ausstoß endlich in den Griff zu bekommen und die Ausbeutung der Erde  und Ozeane nach Rohstoffen verantwortlich zu betreiben. Aber das ist alles auch eine Aufgabe der Jugend, die sich mehr als bislang für technische und wissenschaftliche Berufe begeistern lassen muss.

Hier hat Alexander Gerst zusammen mit den Verantwortlichen der deutschen Weltraumwissenschaft eine ebenso gute wie unverzichtbare PR geleistet. Bleibt zu hoffen, dass sein Wunsch „Ich würde euch gerne alle mitnehmen“ auch im übertragenen Sinn Wirkung zeigt und unsere jungen Wissenschaftler einen neuen Aufbruch zum Abenteuer Forschung wagen.