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Panikmache der Verbände?

15.03.2012

DIW: Kein Mangel an Ingenieuren in Deutschland

 Deutschland  gehen die Ingenieure aus, was technischen  Forschritt und wirtschaftliches Wachstum des Landes hemmen wird. So klagen seit längerem die zuständigen Fachverbände. Aber ist das Lamento zutreffend? Das  Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hat sich die Zahlen genauer angeschaut und ist zu dem Befund gelangt:  "Die Klagen über Fachkräftemangel sind überzogen",  so DIW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke. Der Trend sei eher umgekehrt: Der Zulauf auf ingenieurwissenschaftliche Studienplätze lässt vielmehr ein  Überangebot an Ingenieuren erwarten.

Seit Jahren beklagt der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) einen Mangel an Ingenieuren in Deutschland. Mit seinen jüngsten Zahlen gibt er nun an, dass das Durchschnittsalter der Ingenieure bei gut 50 Jahren liege und daher in den nächsten 10 bis 15 Jahren die Hälfte aller Ingenieure in den Ruhestand wechseln werde. Hieraus leitet der VDI schon heute einen jährlichen Ersatzbedarf von 40000 Ingenieuren ab. "Diese Forderungen kann ich nicht nachvollziehen", so Karl Brenke, der die VDI-Angaben den Daten des Mikrozensus und der Bundesagentur für Arbeit gegenübergestellt hat. (1)

Die Ergebnisse der DIW-Studie, publiziert im jüngsten Wochenbericht des Instituts,  weichen stark von den Angaben des VDI ab.  (2)

Laut Mikrozensus waren 2008 in Deutschland rund 750.000 Ingenieure tätig. Ihr Durchschnittsalter lag bei 43,3 Jahren. Weniger als ein Drittel von ihnen war 50 Jahre und älter. "Obwohl Ingenieure durch ihre lange Ausbildungsdauer vergleichsweise spät in den Arbeitsmarkt eintreten, liegt der Altersdurchschnitt nicht höher als bei anderen akademischen Berufen", so der DIW-Experte. Da es in den letzten Jahren keine radikalen politischen Maßnahmen oder Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt für Ingenieure gegeben habe, geht der DIW-Experte davon aus, dass sich die Altersstruktur der Ingenieure allenfalls geringfügig verschoben haben kann. "Ich halte es nicht für realistisch, dass von 2008 bis heute das Durchschnittsalter um sieben Jahre auf 50 bis 51 Jahre gestiegen ist", so Brenke. Dies wird auch durch die aktuelle Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit von Juni 2011 gestützt.

DIW Berlin erwartet einen Ersatzbedarf von höchstens 20 000 Ingenieuren

"Ein jährlicher Bedarf von 40000 Ingenieuren - allein um die Ruheständler zu ersetzen - ist aus den vorliegenden Zahlen nicht realistisch abzuleiten", so Brenke, "denn dann müssten alle erwerbstätigen Ingenieure, die heute 50 Jahre und älter sind, innerhalb von 5 ½ Jahren in den Ruhestand wechseln." Das DIW Berlin geht von einem etwa halb so großen Ersatzbedarf an Ingenieuren für die kommenden Jahre aus. "Wenn man fair rechnet, kommt man auf ungefähr 20000 Personen, die jedes Jahr aus Altersgründen ausscheiden", sagt Brenke.

Aufgrund des Aufschwungs nach der Finanzkrise ist die Zahl der Ingenieure insgesamt gestiegen - bei den Sozialversicherungspflichtigen zwischen 2008 und 2011 um durchschnittlich 1,5 Prozent pro Jahr. "Diese Zuwachsrate ist zwar nicht gering, aber auch nicht viel höher als beim Durchschnitt aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten", sagt Brenke. Dort lag sie bei 1,1 Prozent. "In den letzten Jahren hat es einen regelrechten Run auf ingenieurwissenschaftliche Studienplätze gegeben", so der DIW-Arbeitsmarktexperte. So haben 2010 rund 50000 Studenten ihr Studium in einem industrienahen Ingenieurstudiengang absolviert. "Allein die Absolventen, die gegenwärtig aus den Unis kommen, können den Gesamtbedarf an Ingenieuren decken." Brenke plädiert daher für eine realistischere Betrachtung des Ingenieurbedarfs im laufenden Jahrzehnt. "Der Berufseinstieg kann für junge Ingenieure zunehmend schwierig werden, wenn es eine Absolventenschwemme gibt."

Lage der Elektro-Ingenieure

Auch der der VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik hatte auf der CeBIT erneut vor Personalengpässen gewarnt. VDE-Präsident Alf Henryk Wulf betonte: "Der  Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften heißt Innovationsausfall. Und das kann sich weder unser Wirtschaftsstandort noch unsere Gesellschaft leisten". Deshalb engagiere sich der VDE  mit Nachdruck in Sachen Nachwuchsförderung, etwa durch Schülerwettbewerb "Invent a Chip". Das Engagement scheine anzukommen, so Wulf: "Die Studienanfängerzahlen in Ingenieurstudiengängen steigen. Wegen des G8-Abiturs und des Wegfalls der Wehrpflicht drängten 2011 zwar insgesamt 15 Prozent mehr Erstsemester an die Hochschulen".  Der Anstieg in der Elektrotechnik war mit 22 Prozent überdurchschnittlich. An der TU Dresden konnte sogar  ein Zuwachs von erstaunlichen 120 Prozent verzeichnen. Der VDE-Präsident: "Das zeigt: Wenn der Funke überspringt, das Hightech-Umfeld stimmt und die Inhalte attraktiv sind, übt die Elektrotechnik die Anziehungskraft auf junge Leute aus, die wir uns wünschen."


Das Statistische Bundesamt meldete in dieser Woche  24 % mehr Studienanfänger in Ingenieurwissenschaften 2011. Nach den Zahlen der Statistiker hatten sich im  Studienjahr 2011 (Sommersemester 2011 und Wintersemester 2011/12) 115 800 Studienanfänger für ein Studium der Ingenieurwissenschaften immatrikuliert-  24,0 % mehr als im Vorjahr. Insgesamt  nahmen 2011 rund 516 900 Anfänger ein Studium auf. Im Vergleich zum Vorjahr erhöhte sich damit die Zahl der Erstimmatrikulierten 2011 um rund 16,2 %.
In der Fächergruppe Mathematik, Naturwissenschaften konnte im Studienjahr 2011 ein deutlicher Zuwachs von 21,1 % im Vergleich zum Vorjahr auf 90 700 Erstimmatrikulierte verzeichnet werden. Für ein Studium in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften entschieden sich 168 400 Studierende (+ 13,5 %) und für den Bereich Humanmedizin, Gesundheitswissenschaften 22 100 Personen (+ 12,3 %). Die Anzahl der Studienanfängerinnen und Studienanfänger ist auch in der Fächergruppe Sprach- und Kulturwissenschaften auf 85 300 Personen (+ 10,7 %) gestiegen. (3)

VDI: Offene Stellen für Ingenieure auf  Rekordniveau

In seinem jüngsten VDI-/IW-Ingenieurmonitor für Februar 2012  stellte der VDI fest, dass die Zahl der offene Stellen für Ingenieure inzwischen ein Rekordniveau hätten. In einer Mitteilung von 14. März wird erklärt: Die Zahl der offenen Stellen für Ingenieure ist gegenüber dem Januar 2012 um 7,1 Prozent angestiegen und überschritt mit 105.700 erstmals seit Beginn der Erhebung im August 2000 die Schwelle von 100.000. Die Zahl arbeitsloser Ingenieure ging gegenüber dem Vormonat leicht zurück und lag bei 18.882. "Ein starker Anstieg der Nachfrage nach Ingenieuren im Februar ist nicht ungewöhnlich. Die anhaltend hohe Arbeitsmarktnachfrage führt jedoch dazu, dass sich die Ingenieurengpässe auf hohem Niveau verstetigen", kommentierte IW-Geschäftsführer Hans-Peter Klös die Daten des aktuellen VDI-/IW-Ingenieurmonitor. Im Februar 2012 konnten erstmals mehr als 87.000 Ingenieurstellen nicht besetzt werden. (4)

"Der VDI begrüßt, dass nun auch die Expertenkommission der Bundesregierung für Forschung und Innovation vor den Gefahren der Arbeitsmarktengpässe bei technisch-naturwissenschaftlichen Qualifikationen für den Innovationsstandort Deutschland warnt", so VDI-Direktor Dr. Willi Fuchs. "Obwohl die Zahl der Studenten und Absolventen in den Ingenieurwissenschaften in den letzten Jahren gestiegen ist, ist noch nicht das Niveau erreicht, das notwendig wäre, um langfristig Ingenieurengpässe zu vermeiden." Differenziert nach Berufsordnungen fehlen mit 35.300 Personen am meisten Maschinen- und Fahrzeugbauingenieure. Die zweitgrößte Lücke besteht bei Elektroingenieuren mit 22.000 Personen. Regional sind vor allem Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern betroffen. (4)


(1)
http://www.diw.de/de/diw_01.c.394853.de/themen_nachrichten/kein_mangel_an_ingenieuren_in_deutschland_erkennbar.html


(2)
http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.394835.de/12-11.pdf


(3)
http://idw-online.de/de/news468258


(4)
http://www.vdi.de/44033.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=56975&cHash=f35251c19b0d141e17f9b97f549dccdf