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Öffentlichkeit als Geheimnis

03.09.2013

Manfred Ronzheimer

Drei Akademien sinnieren über eine bessere Verständigung zwischen Wissenschaft und Medien: Ist das Neben- oder Doppelforschung? Und wer hat die rasanten Schweizer im Blick?

Foto: Lichtkunst73 / Pixelio

Lichtkunst73 / Pixelio

Wissenschaft und Medien haben Probleme, sich gegenseitig zu verstehen und verständlich zu machen. Was sind die Ursachen dieser Kommunikationsprobleme und wie lassen sie sich beheben? Darüber berät seit Anfang 2012 eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe „Zum Verhältnis zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien" (WOM) der drei Wissenschaftsakademien: der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und der acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften.

Obwohl Öffentlichkeit das Thema ist, tagt die Expertenrunde nur intern – eben unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Um die Sitzungen, die Anhörung von Experten, Diskussionsrichtungen und Zwischenergebnisse wird ein großes Geheimnis gemacht.

Zu erwähnen ist, dass der Arbeitsgruppe auch Journalisten angehören, also Vertreter der Medienwelt, die sich gegenwärtig in einem rasanten Wandlungsprozess befindet. Während draußen Zeitungen sterben und sich gesellschaftliche Öffentlichkeit wandelt, zieht sich die Expertengruppe für zwei Jahre abgeschottet in den Elfenbeinturm zurück. Das soll wissenschaftliche Arbeitsweise widerspiegeln. Mit der gesellschaftlichen Bedarfslage hat das wenig zu tun.

Leitlinien guter Kommunikationspraxis

Auf der Internet-Seite der acatech wird in Minimal-Form über Ziel und Organisation der Projektgruppe „Zum Verhältnis zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien“ informiert. (1)

http://www.acatech.de/de/projekte/laufende-projekte/
zum-verhaeltnis-zwischen-wissenschaft-oeffentlichkeit-und-medien.html

Zur Begründung wird auf zwei unterschiedliche Kommunikationsmodi verwiesen. Die Medien berichteten über Wissenschaften und über Themen von öffentlichem Belang in bestimmter Weise. Genannt werden als Beispiele „Vereinfachungen und Dramatisierung“. Im Gegenzug will auch die Wissenschaft kommunizieren, und zwar mit dem strategischen  Ziel, „Legitimation in Gestalt öffentlicher Zustimmung zu erlangen“. Die Folge sei, so die Kurz-Analyse, dass es zu „Resonanzeffekten“ komme, die „in konkreten Fällen eine unangemessene Verstärkung oder eine unangemessene Schwächung des Informationsgehalts“ bewirkten. Dies führe dann zu Reaktionen aus der Öffentlichkeit – worunter das Projekt in erster Linie die Zivilgesellschaft (wie beispielsweise Kirchen, Verbände, Nichtregierungsorganisationen) versteht, sowie aus den anderen gesellschaftlichen Subsystemen Politik und Wirtschaft. Diese Reaktionen seien dann ihrerseits ebenfalls übersteigert, weil sie sich nicht auf die Ausgangs-Information, sondern auf deren verzerrte Übertragung beziehen. Ein Teufelskreis der Hysterie, des Missverstehens und falscher Beschuldigungen hat eingesetzt.

Als die beiden Arbeitsziele, die die Projektgruppe erreichen will, werden in der Quelle mit folgender Passage beschrieben: „Erstens soll das Verständnis der unvermeidbaren strukturellen Barrieren und der aus ihnen resultierenden Kommunikationsprobleme geweckt werden. Zweitens sollen Möglichkeiten zur Verbesserung der Kommunikation im Sinne eines Qualitätsmanagements erkundet werden. Ggf. werden Leitlinien guter Kommunikationspraxis für Wissenschaftler und Journalisten formuliert.“

Die Laufzeit: Januar  2012 bis Dezember 2013. Bei der acatech gehört die AG zum Themenschwerpunkt Bildung und Technikkommunikation.

Gruppe mit zehn Experten

Sprecher der Projektgruppe ist Prof. Peter Weingart (BBAW), Soziologe an der Universität Bielefeld, Institut für Wissenschafts- und Technikforschung. Die weiteren neun Mitglieder sind die Schweizer Publizistin Heidi Blattmann, die früher bei der Neuen Züricher Zeitung das Wissenschaftsressort verantwortete, der Berliner Psychologie Prof. Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, acatech-Präsident Prof. Reinhard F. Hüttl, der Medienwissenschaftler Prof. Otfried Jarren von der Universität Zürich, Prof. Alfred Pühler von der Universität Bielefeld und Ehrenvorstandsmitglied der CeBiTec, Prof. Ortwin Renn von der Universität Stuttgart, der Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel von der ZEIT in Hamburg, Prof. Pirmin Stekeler-Weithofer, Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften mit Sitz in Leipzig sowie Journalistik-Professor Holger Wormer, Technischen Universität Dortmund.

Zum Fahrplan, der nicht uninteressant ist: Die Auftaktsitzung fand am 11. Januar 2012 in Berlin von 13:30 bis 16:30 Uhr statt. Am 20. Juni folgte die erste Anhörung von 10:00-17:00 Uhr in den Räumlichkeiten der BBAW in Berlin.  Die zweite Anhörung stand am 5. Dezember an – zwischen 10:00 - 17:00 Uhr im acatech Hauptstadtbüro in Berlin. Dem schlossen sich 2013 ganztägige Projektgruppensitzungen am 18. Januar 2013, 20. März 2013 und 22. April. Am 15. Mai 2013 kam die Gruppe einen kompletten Tag zur Redaktionssitzung zusammen. Am 19. Juni 2013 folgte dann noch eine weitere Projektgruppensitzung. Zu weiteren Terminen im zweiten Halbjahr 2013, gar zur Präsentation der Ergebnisse, macht die Webseite keine Angaben.

Was kann bei diesen zeitlich knappen Beratungen herauskommen? Die Mitglieder der Gruppe hüllen sich in Schweigen. Das kann bedeuten, dass sich hoch brisante Empfehlungen in der Entstehung befinden, deren vorzeitige Enthüllung erhebliche Eruptionen in der Öffentlichkeit auslösen könnte. Es kann aber auch darauf hindeuten, dass noch überhaupt nichts Publikationswürdiges zustande gekommen ist und am Ende die Stunde der „heißen Nadel“ schlägt.

Auf sicheres Wissen verzichten

Um die Ecke lässt sich ein kleines Bisschen hinter den Vorhang der Geheimnistuer lugen. Als die Emmy Noether-Stipendiaten der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Juli zu ihrem jährlichen Treffen in Potsdam zusammen kamen, wurde auf dem wissenschaftspolitischen Abend über Spannungen im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft diskutiert . (2)

http://www.dfg.de/dfg_magazin/wissenschaftliche_karriere/
emmy_noether/emmy_noether_treffen_13/wipo_abend/index.html

Die Podiumsdiskussion, an der auch Peter Weingart teilnahm, wurde von Heidi Blattmann geleitet – beide Mitglieder der WOM-Projektgruppe. Laut DFG-Bericht über die Veranstaltung ging Weingart auf die „Verwissenschaftlichung der Gesellschaft“ mit ihrer wachsenden Nachfrage nach Expertenrat ein. Den Wissenschaftlern, die als Experten auftreten, empfahl er: „Sie sollten die Unsicherheit von vermeintlich sicherem Wissen kommunizieren und weder Panikmache noch Verharmlosung betreiben.“ Allerdings müsse auch die Rolle der Medien mitbedacht werden. Sie dienten als notwendiger Filter, entzögen sich aber der Kontrolle und würden oftmals zu stark vereinfachen und zuspitzen.

Ein weiteres diskutiertes Problem, so der DFG-Bericht: Die Öffentlichkeit sei nicht geschult darin, Wissenschaft zu verstehen. Die Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse und Prozesse sei deshalb schwierig. Weingart, der aus seiner Forschungsarbeit auch die Medienseite gut kennt, forderte deshalb: „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen lernen, Wahrscheinlichkeiten zu kommunizieren!“ Und die Politik müsse lernen, auf sicheres Wissen zu verzichten. (2)

Schön, weil auch treffend für die Arbeit der Projektgruppe, ist der Schlussabsatz des DFG-Berichts: „Aus dem Publikum gab es vor allem zum Expertentum zahlreiche Nachfragen und Kommentare. Bei „Experten“ komme oft persönliche Eitelkeit ins Spiel. In der Diskussion setzte sich jedoch die Sicht durch, offen und ehrlich zu Wissenslücken zu stehen und diese auch zu kommunizieren.“

Gesellschaft contra Wissenschaft

Warum gibt es die Projektgruppe? Im Unterschied zu Auftragsarbeiten für Kunden aus der Politik oder Wirtschaft, die in der Regel auch gut dotiert sind, handelt es sich beim „Verhältnis zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien" um eine Eigenprojekt der drei Akademien, das sie aus Bord-Mitteln bezahlen müssen.

Ein Anstoß kam von acatech-Präsident Hüttl, dessen Wissenschaftsfeld der Geotechnik verstärkt von gesellschaftlichen Protesten heimgesucht wird. Die Mobilisierung der Öffentlichkeit gegen die CO2-Verpressungstechnik CCS in Gesteinsschichten hat der Erprobung dieser Klimalösung in Deutschland mittlerweile buchstäblich den Boden entzogen. Ähnliches vollzieht sich zum Thema Fracking, einem Verfahren, bei dem Erdgas aus tiefliegenden Erdschichten herausgedrückt wird. In wachsendem Maße treten gesellschaftliche Kräfte gegen die Wissenschaft an. Was kann dagegen unternommen werden?

Fortsetzung von Bielefelder Arbeiten

Ein unermüdlicher  Treiber ist Peter Weingart, der auch nach seiner Emeritierung in Bielefeld das Thema gerne weiter beackern möchte. Unter geringfügig anderem Namen leitete er  die „Arbeitsgruppe Wissenschaft – Medien – Öffentlichkeit“  von 1995 bis 2012 am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Uni Bielefeld. (3)

http://www.uni-bielefeld.de/iwt/forschung/ag/wmo/

Auch diese Gruppe war mit Historikern und Soziologen interdisziplinär angelegt und befasste sich „mit der Entwicklung des Verhältnisses von Wissenschaft und Öffentlichkeit über die Zeit, mit der Darstellung wissenschaftlicher Themen wie der Biomedizin und Klimaforschung in den Massenmedien und mit den Rückwirkungen solcher Darstellungen auf die Wissenschaft“. So ziemlich dasselbe, was nun auch die Akademien-AG erörtert.

Fragen, die der Bielefelder Forschungsschwerpunkt erörterte, waren damals einige der Folgenden:

  • Wie werden verschiedene wissenschaftliche Themen (zum Beispiel Klimaforschung und Biomedizin) in den Medien dargestellt und an verschiedene Öffentlichkeiten kommuniziert?
  • Welche Rückwirkungen hat die öffentliche Diskussion wissenschaftlicher Themen auf die Wissenschaft?
  • Wie hat sich das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit historisch entwickelt und wie gestaltet es sich heute?
    (4) https://www.uni-bielefeld.de/iwt/forschung/wmo.html

Ein Unterprojekt beschäftigte sich zudem mit der „Herstellung und Darstellung von Wissen unter Medialisierungsbedingungen“. (5)

http://www.uni-bielefeld.de/iwt/projekte/medialisierung/

Hier sollten zum einen die Fachkulturen einzelner Wissenschaftsdisziplinen (Mathematik, Molekularbiologie und Zeitgeschichte) miteinander verglichen werden, um dann die „jeweiligen Anpassungsleistungen an massenmediale Aufmerksamkeitskriterien“ zu untersuchen. Das Bielefelder Projekt erhielt seine Finanzierung aus der Förderinitiative "Neue Governance der Wissenschaft - Forschung zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Forschung per Eye-Tracking

Wer weiter eintaucht in das Thema, wird feststellen, dass es eine Menge Doppel- und Nebenher-Forschung gibt. Die Volkswagenstiftung förderte von 2009 bis 2012 eine „Untersuchung des Wissensaustausches zwischen Wissenschaftlern und zivilgesellschaftlichen sowie staatlichen Akteuren“ (6), ebenfalls an der Uni Bielefeld (Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer)

http://www.volkswagenstiftung.de/foerderung/wissenschaftsvermittlung-
und-kommunikation/bewilligungen-2009.html

Aus der Projektbeschreibung: „Das Projekt untersucht in verschiedenen Interviews und teilnehmenden Beobachtungen das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und zivilgesellschaftlichen bzw. staatlichen Akteuren. Dabei geht es um das `Übersetzen´ zwischen den beiden Dialogpartnern und den Ertrag, den beide Seiten aus der Kooperation ziehen können.“

An den Universitäten Mainz und Freiburg fördert die Volkswagenstiftung ein Projekt, das untersucht, wie Leser Wissenschaftsberichte in den Zeitungen aufnehmen. (7)

http://www.volkswagenstiftung.de/foerderung/wissenschaftsvermittlung-
und-kommunikation/bewilligungen-2010.html

Gab es das nicht schon einmal? Nicht so! „Das Vorhaben verbindet korpusbasierte Textforschung mit einer empirischen Untersuchung der kognitiven Verarbeitung von Texten.“ Die klassische Inhaltsanalyse wird kombiniert mit einem „Eye-Tracking-Verfahren“, das die Lesebewegungen des Auges aufzeichnet. Ist das Wissenschaft oder Nonsens? Nein, schon wichtig, beteuern die Mainzer Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaftler. „Die Erforschung solcher populärwissenschaftlicher Texte kann dazu beitragen, den linguistischen Stil und die Wissensrepräsentation dieser Texte zu verbessern und die Zugänglichkeit von Wissenschaft für ein Laienpublikum zu erweitern“. Darauf warten die Wissenschaftsjournalisten seit Jahrzehnten.

Andere Medienwelten in der Schweiz

Wissenschaft, Öffentlichkeit, Medien. Zwei Jahre hat sich die Arbeitsgruppe für Analyse und Diskurs gegeben. Derweil wandelt sich das reale mediale Umfeld in rasantem Tempo. Was sich teilweise auch auf die Medienpolitik erstreckt. In Zürich ist Otfried Jarren davon direkt betroffen. Ende letzten Jahres wählte ihn der Schweizer Bundesrat zum Präsidenten der Eidgenössischen Medienkommission. Die Staatskommission ist von anderem Kaliber als die WOM-Akademiearbeitsgruppe. Sie hat die Aufgabe, die schweizerische Medienlandschaft zu beobachten, konkrete Problemstellungen im Auftrag des Bundesrats zu analysieren und Empfehlungen abzugeben. (8)

http://www.uvek.admin.ch/dokumentation/00474/
00492/index.html?lang=de&msg-id=48282

Am interessantesten sind derzeit die Überlegungen der Schweizer Nachbarn zur öffentlichen Stützung der Medien. Ein „Förderkonzept zur Stärkung der staats- und demokratiepolitischen Bedeutung der Medien“ ist in Vorbereitung. Selbst staatliche Direktzahlungen für die Medien sind in der Schweiz kein Tabu mehr. Von derlei Überlegungen ist in Deutschland nichts zu vernehmen. Hier werden mit öffentlichen Geldern private Banken gerettet, weil systemrelevant. Zeitungen dagegen nicht, weil ihre demokratische Systemrelevanz negiert wird.

Man darf gespannt sein, ob über Schweizer Umwegen derlei neue Anstöße für das bundesdeutsche Mediensystem möglicherweise von einer akademischen Expertengruppe in die Öffentlichkeit getragen werden. Aber bitte nicht weitersagen. Die ganze Diskussion ist streng geheim…