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Naturschützer fordern Nachhaltigkeits-Forschung

04.02.2012

Der BUND plädiert für eine „Wissenschaft für und mit der Gesellschaft“

Eigentlich hat der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sein Sensorium und Engagement traditionell auf Flora und Fauna ausgerichtet. Mit der Wissenschaft als solcher und den Rahmenbedingungen der Wissenschaftspolitik hat sich die Naturschutzorganisation bisher nicht nennenswert beschäftigt. Forschung kam für den BUND dann zum Tragen, wenn bestimmte ökologische Fragestellungen wissenschaftlich zu untersuchen waren.

Allerdings musste er in den letzten Jahren immer häufiger feststellen, dass die Ansprechpartner für Natur- und Umweltfragen in den Hochschulen weniger wurden. Öko-Lehrstühle wurden umgewidmet oder abgewickelt. Konnte es sein, dass sich das „Biotop Wissenschaft“ allmählich veränderte und keinem fiel es auf? Diese Frage stand am Ursprung der Studie „Nachhaltige Wissenschaft“, die der BUND in dieser Woche als seinen kritischen Beitrag zum neuen Wissenschaftsjahr zur Nachhaltigkeit – (Zukunftsprojekt Erde) vorlegte.

Der Befund: Tatsächlich stehen die auf Nachhaltigkeit und ökosystemare Zusammenhänge ausgelegten Lehrstühle und Forschungsinstitute  in Deutschland auf der „Roten Liste“ der gefährdeten Wissenschaftsdisziplinen. Umsteuern tut deshalb Not: durch bessere Vernetzung der Akteure und durch mehr Geld. Plakativ forderte der BUND die Bereitstellung einer „Nachhaltigkeits-Milliarde“.

„Wir konstatieren eine dramatische Veränderung in der Wissenschaft, ohne dass dies in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erregt hat“, stellte BUND-Vorsitzender Hubert Weiger bei der Vorstellung des 24-seitigen Papiers „Nachhaltige Wissenschaft“  in Berlin fest. (1)  So seien in den vergangenen Jahren die Lehrstühle für Freiland-Ökologie angewickelt worden, dafür wurden genetisch und mikrobiologische Lehrstühle geschaffen worden. Immer stärker dominiere auch in der Biologie die Anwendungsorientierung, etwa zur Nutzung gentechnisch veränderter Pflanzen. Überblicksorientierte Forschungsrichtungen mit Grundlageninteresse, etwa zur Biodiversität, seien auf dem Rückzug. Mittlerweile sei Deutschland bei bestimmten Fragestellungen in diesem Zusammengang auf die Zuarbeit von Wissenschaftlern aus Österreich angewiesen.

Im Abstieg ist die Forschung über Auswirkung von Stoffen auf die Gesundheit der Menschen, die Toxikologie. Der berühmte Lehrstuhl von Professor Wassermann an der Uni Kiel, der wegweisende Untersuchungen über die Entstehung von Dioxinen in Müllverbrennungsanlagen durchführte, ist bis auf wenige Reste demontiert. Die epidemiologische Forschung ist in Deutschland „absolut unterentwickelt“. Es gebe kein nationales Krebsregister. Weiger: „Wir haben große Defizite und Handlungsbedarf“.

Der große Veränderungsprozess des letzten Jahrzehnts in der deutschen Wissenschaftslandschaft, die Exzellenz-Orientierung, habe den Öko-Fächern auch nicht geholfen. Mehr Drittmittel von Auftraggebern, mehr Industrienähe seien jetzt der Mainstream; der Spielraum für unabhängige und kritische Wissenschaft reduziere sich dadurch. Diese Ausrichtung habe sich mit der Ausrufung von Exzellenz-Universitäten noch beschleunigt.

Das Unbehagen über diese Entwicklung hat im Wissenschaftlichen Beirat des BUND, der die Expertise von 800 Forschern in 20 Arbeitskreisen zusammenführt, schon seit zwei Jahren gegärt. Jetzt ist daraus, auch unter federführender Mitwirkung von Uwe Schneidewind, dem Leiter des Wuppertal-Instituts, das Gegenpapier zum regierungsamtlichen Wissenschaftsjahr geworden. Der zentrale Ansatz: Ein ganzheitliches Konzept mit gesellschaftlicher Orientierung. „Wir brauchen für unsere Umwelt nicht nur immer mehr neue und effizientere Technologien“, beschrieb Weiger den Ansatz. Nötig seien auch die sozialen Dimensionen einer Veränderung zu mehr Nachhaltigkeit. Kurzum: „Es fehlt in Deutschland an Forschung für Transformationsstrategien“. Naturwissenschaften und Geistes- plus Sozialwissenschaften müssten auf neue Weise zusammengeführt werden.

Diese Transformationen spielen sich vor allem  in vier „Wende-Arenen“ ab: der Energiewende, der Mobilitätswende, der Ernährungs- und Agrarwende sowie der Urbanen Wende. In allen vier Bereichen gibt es zwar schon nennenswerte Forschungs-Aktivitäten. Aber die sind ein ausschließlich technisch ausgerichtet. Die Energieforschung, etwa zu Speichersysteme und Smart Grids, bekommt in den nächsten Jahren 4 Mrd Euro öffentlicher Förderung. Es fehle aber an Transformationsstrategien für 100-Prozent-Enerhuerbare-Energie-Kommunen, Strategien der Dezentralisierung sowie Anreizkonzepte zur Hebung von Effizienzpotenzialen. Im Mobilitätsbereich bekommen die Elektroauto-Forscher eine Milliarde Förder-Euro, im Agrarbereich die Bioökonomie für ihre technischen Konzepte zur wirtschaftlichen Nutzung der Nutzung der Natur 2 Mrd Euro.

Aus Sicht des BUND ist es logisch und angemessen, die Karten des Förderspiels neu zu mischen und für die Transformationsaufgaben in allen vier Arenen aus den vorhandenen Programmen summa summarum eine Milliarde Euro herauszuschneiden und damit eine relevante Masse für die Öko-Forscher zu schaffen: Die „Nachhaltigkeits-Milliarde“ (Detaillierter Finanzierungsvorschlag im Papier auf  S. 16)

Hoffnung setzen die Naturschützer bei ihrem Ansatz zur Wissenschaftswende auch auf die Bundesländer. „In einigen Ländern gibt es Bewegung“, stellte Weiger fest und nannte als Beispiel für die ökologische Ausrichtung einer Hochschule die Uni Lüneburg, die ihr wissenschaftliches Potenzial eng mit den Lokalen Agenda 21-Prozessen verknüpfe. Auch die Hochschulräte seien eine Chance, wen dort Vertreter der Zivilgesellschaft größeres Gewicht bekämen, auf Kosten der derzeit dominierenden Wirtschaft.

Manfred Ronzheimer

www.bund.net/pdf/nachhaltige_wissenschaft