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Ein neuer Rahmen für Europas Forschung

15.04.2011

Ein Workshop in Berlin informierte über die Beratungen zum 8. FRP

Europa gibt sich einen neuen Forschungsrahmen. Doch diesmal handelt es sich nicht nur um eine Fortsetzung der bisherigen sieben Forschungsrahmenprogramme (FRP) der EU in Form eines 8. FRP. Vielmehr strebt Brüssel für die Jahre ab 2014 einen integrierten Ansatz an, der auch bisher parallel laufende Förderprogramme für Forschung und Innovation in einem „Gemeinsamen Strategischen Rahmen“ (Common Strategic Framework, CSF) bündeln soll. Über die Beweggründe für die Neuerung und den Stand des Verfahrens informierte am 24. März 2011 Dr. Rudolf Strohmeier, stellvertretender Generaldirektor in der Generaldirektion Forschung und Innovation der EU-Kommission in Brüssel, in einem Workshop des VDE Verbandes der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik in den Räumen der Berliner VDE-Niederlassung in der Bismarckstraße.

Für das 7. FRP stehen in den Jahren 2007-2013 insgesamt 53 Mrd. Euro zur Verfügung. Zur Halbzeit des Programmes wurde eine Zwischenevaluation durchgeführt, deren Ergebnisse und (10) Empfehlungen im November 2010 vorgestellt wurden. Es traten dabei nach Strohmeier auch eine Reihe von Schwachstellen zu Tage, die künftig angestellt werden müssen. Beispiel: Bürokratie. „Wo wir echt besser werden müssen, ist: Time to grant – das dauert zu lange“, sagte Strohmeier. Die Zeit zwischen dem Antrag und der Bewilligung von Fördergeldern müsse deutlich kürzer werden. Auch solle der Anteil der Kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) an den Fördermitteln auf die Schwelle von 15 Prozent gesteigert werden. Derzeit liegt man noch darunter. Generell müsse die Transferdynamik gesteigert werden. „Wir brauchen derzeit in Europa zu lange von der Forschung bis zur Anwendung“, sagte der EU-Vertreter. „Das muß im nächsten Programm besser gemacht werden“.
Wie die Evaluierung ergab, gehen 25 Prozent der FP7-Mittel an die 50 größten Antragsteller. Unter den ersten vier sind zwei deutsche Forschungseinrichtungen. Die meisten Gelder erhält mit 231 Mio Euro die französische Forschungs-Dachorganisation CNRS für die Beteiligung an 501 Projekte. Die deutsche Max-Planck-Gesellschaft ist an 331 EU-Projekten beteiligt und erhält dafür 153,1 Mio Euro. Die Fraunhofer-Gesellschaft partizipiert an 238 Projekten mit einem Finanzvolumen 115,4 Mio Euro auf Platz 4 (knapp hinter den französischen Atomforschern Commissariat a l'energie atomique mit 118 Mio Euro). Dann folgen unter den ersten 10 nur noch britische und schweizer Hochschulen.

Ein großer Trend, der sich für das nächste Programm abzeichnet, ist die Clusterung, sowohl organisatorisch wie auch inhaltlich.
So ist laut Strohmeier bei der Kommission die Erkenntnis gereift, dass zur Förderung bestimmter Technologien „rein nationale Leitmärkte nicht mehr realisierbar sind“. Hier müssten die Ansätze künftig europäisch sein, so der Brüsseler Experte: „Wir haben es hier mit der Konkurrenz chinesischer oder gar asiatischer Leitmärkte zu tun, da kann ein einzelnes europäisches Land nicht gegen antreten“.

Inhaltlich wird im Evaluationsbericht unter dem Stichwort „Grand Challenges“ – die großen Herausforderungen für die Forschung – die Konzentration auf ausgewählte Forschungsfelder empfohlen. Strohmeier nannte hier die vier Themenkomplexe Klima, Wettbewerbsfähigkeit, Alternde Bevölkerung (Demographie) und Energie.
Die Kritikpunkte der Evaluierung wurden teilweise bereits in einem „Grünbuch“ aufgegriffen, das die EU-Kommission im Februar zum Auftakt des Diskursprozesses über das 8. FRP bzw. der „gemeinsamen Strategie“ vorlegte. Ein wichtiges Anliegen ist darin die bessere Synergie zwischen den Fördermitteln für Forschung und Innovation und den Mitteln, die aus mehreren EU-Strukturfonds (Volumen 86 Mrd Euro) für innovative Zwecke genutzt werden können. Dazu müsse aber auch in den Mitgliedsländern wie Deutschland ein gewisses „Kästchendenken“ überwunden werden, bemerkte Strohmeier unter Hinweis auf die ministeriellen Abgrenzungs- statt Kooperationsbemühungen von BMBF und BMWi.

„Beteiligen Sie sich mit einer Stellungnahme zum Grünbuch!“, forderte der EU-Experte in Berlin. Dies gelte auch für den Fachverband VDE. „In Deutschland wartet man leider immer, bis Entscheidungen schon fertig sind, anstatt sich vorher einzubringen“. Strohmeier: „Setzen Sie uns unter Begründungszwang“ - etwa warum bestimmte Themen in der neuen Forschungsagenda nicht auftauchen.

Wichtig sei für den neuen Forschungs-Rahmen auch die Verknüpfung mit anderen europäischen Langfristzielen wie „Europe 2020“ oder der „Innovation Union“. Dies bedeute zum Beispiel, ein Instrument wie das öffentliche Beschaffungswesen für Zwecke der Innovation einzusetzen. 17 Prozent der Ausgaben der öffentlichen Hände in Europa wird für die Beschaffung benötigter Produkte und Dienstleistungen verwendet, bemerkte der Brüsseler Experte. In den USA würden diese Ausgaben gerne dazu genutzt, um junge innovative Unternehmen in neue Märkte zu bringen. Eine derartige Akzentsetzung sei auch für Europa anzustreben. Lieber Innovationen statt „nur billig ist gut“.

Insgesamt sollen im Common Strategic Framework (CSF) die bisherigen Maßnahmen in drei Hauptprogrammen zusammen gefaßt werden:

  1. „Innovation für die Gesellschaft“ (hier wird die F+I-Agenda vom öffentlichen Sektor definiert),
  2. „Innovation für Wettbewerbsfähigkeit“ (definiert von der Wirtschaft) und 3. „Science for innovation“ (von den Forschern selbst definiert).

Der Konsultationsprozess zum Grünbuch endet am 20. Mai 2011. Für den 10. Juni ist eine Veranstaltung geplant, um die Ergebnisse mit Interessengruppen zu erörtern. Die EU-Kommission wird ihre Vorschläge zur künftigen F+I-Finanzierung voraussichtlich Ende 2011 vorstellen.

Manfred Ronzheimer