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Kultur der Ermöglichung

29.07.2013

Manfred Ronzheimer

„Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ – Fragen an den Vorsitzenden des Wissenschaftsrates, Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Marquardt

Prof. Dr. Ing. Wolfgang Marquardt

Prof. Dr. Ing. Wolfgang Marquardt

Manfred Ronzheimer: Herr Marquardt, der Wissenschaftsrat hat auf seinen Sommersitzungen in der zweiten Juliwoche 2013 in Braunschweig das Papier „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ beschlossen. Vorangegangen war eine intensive, mehrmonatige Beratung im internen Kreis, die nur einmal durch unerwünschte Öffentlichkeit gestört wurde, als eine frühe Fassung des Papiers bekannt wurde. Bereits 2000 hatte sich der Wissenschaftsrat mit einer grundlegenden systemischen Sicht auf die deutsche Wissenschaft beschäftigt. Was war der Anlass für dieses neuerliche Grundsatzpapier?

Wolfgang Marquardt: Der wichtigste äußere Anlass für das Papier ist das Auslaufen der Pakte für Forschung, Lehre und Exzellenz und die damit einhergehende Unsicherheit über das Jahr 2015 hinaus. Ergänzend macht es aber auch der zunehmende internationale Wettbewerbsdruck zwingend erforderlich, unser Wissenschaftssystem „zukunftsfest“ zu machen. Unabhängig von diesen externen Faktoren war und ist die wichtigste übergeordnete Motivation für das Papier, für die Wissenschaft insgesamt und damit auch für jede einzelne Wissenschaftlerin und jeden einzelnen Wissenschaftler in Zukunft bessere Bedingungen zu schaffen.

Ronzheimer: Was ist die generelle Tendenz Ihrer Empfehlungen?

Marquardt: Der hinter den Empfehlungen stehende „Geist“ des Papiers ist es, die beeindruckenden Erfolge der letzten Jahre abzusichern, der Wissenschaft den notwendigen Freiraum zu sichern und sie nachhaltig weiterzuentwickeln. Der Leitgedanke ist es, die Vielfalt der Wissenschaft mit einer Kultur der Ermöglichung zu stärken. Zugleich spricht das Papier aber auch die Öffentlichkeit an. Es begründet, warum in den nächsten Jahren große zusätzliche Anstrengungen von Bund und Ländern erforderlich sind, und es unterbreitet konkrete Empfehlungen, in welche Richtung diese Anstrengungen gehen sollten.

Ronzheimer: Wie ist die Situation und welche Probleme müssen von der Wissenschaft und der Politik angepackt werden?

Marquardt: Den Empfehlungen liegt eine bestimmte Problemwahrnehmung mit Blick auf das bestehende Wissenschaftssystem zugrunde. Dazu gehört an erster Stelle, dass die Situation und Qualität der Lehre als durchaus problematisch bezeichnet werden muss, vor allem wegen der schlechten Betreuungsrelationen und der geringen Reputation für die Lehre. Weiterhin sind viele Hochschulen strukturell nicht in der Lage, ihre konstitutive Rolle im Wissenschaftssystem auszufüllen. Das resultiert aus Gründen der Unterfinanzierung, aber auch aus Governance-Problemen.

Ein weiteres Problem ist die zunehmende Komplexität und Beschleunigung im Wissenschaftssystem mit sich daraus ergebenden neuen Herausforderungen. Dazu zählen das zunehmend vernetzte Arbeiten oder die schnelle Reaktionsfähigkeit mit Blick auf neue Erkenntnisse sowie neue Forschungsfragen. Außerdem können die „Pakte“ aufgrund ihrer Befristung Strukturprobleme zwar lindern, aber nicht dauerhaft beheben. Hinzu kommen zunehmende externe Anforderungen, vor allem der Globalisierungsdruck, der demographische Wandel und die Sparzwänge in den öffentlichen Haushalten.

Ronzheimer: Lassen sich diese Problemzonen nicht überwiegend im Hochschulbereich verorten?

Marquardt: In der Tat wurde im Hochschulsektor insgesamt ein größerer Handlungsdruck als im außeruniversitären Bereich festgestellt. Dies wird in den Empfehlungen aufgegriffen. Dennoch: Das System insgesamt ist grundsätzlich durchaus leistungsfähig, so dass eine Änderung der Grundstruktur nicht erforderlich ist; vielmehr kann und sollte auf der bestehenden, vor allem durch die Exzellenzinitiative beförderten Dynamisierung des Systems aufgesetzt und eine mutige Weiterentwicklung vorangebracht werden.

Ronzheimer: Stichwort Perspektive: Wohin soll das Wissenschaftssystem gesteuert und entwickelt werden? Was ist die qualitative Zielsetzung des Papiers?

Marquardt: Es geht uns um das Aufzeigen von mittelfristigen Perspektiven – also für die Jahre bis 2025 – für das derzeit zwar leistungsstarke Wissenschaftssystem, das aber wie erwähnt bis dahin zusätzlichen Anforderungen ausgesetzt ist. Den Empfehlungen liegt ein modernes Verständnis von Wissenschaft zugrunde, die mehr ist als lediglich Forschung und Lehre. Daraus resultiert eine wichtige Neuakzentuierung, die das Wissenschaftssystem konsequent mehrdimensional betrachtet.

Das Papier möchte einen Kulturwandel anregen, der die in letzter Zeit häufig beklagte Fokussierung auf Forschung aufbricht. Diese Fokussierung ist kein rein strukturelles Problem, sie greift tief in das Selbstverständnis jeder einzelnen Wissenschaftlerin und jedes einzelnen Wissenschaftlers ein; sie spiegelt sich auch in Reputationsmechanismen, die nicht nur in Deutschland forschungsfokussiert sind. Selbst die Lehre, deren Bedeutung unbestritten ist, erhält nach wie vor nicht den gleichen Stellenwert im Wissenschaftssystem wie die Forschung.

Ronzheimer: Mehr Akzent auf Lehre also und weniger auf Forschung. Und welche weiteren Dimensionen kommen hinzu?

Marquardt: Uns erscheint es geboten, zusätzlich auch den Transfer von Wissenschaftsergebnissen und die zu ihrer Gewinnung benötigten Infrastrukturleistungen als weitere wesentliche Leistungsdimensionen der Wissenschaft zu akzentuieren. Der Grund dafür ergibt sich durch noch engere Verschränkung von Wissenschaft und Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik. Transfer bekommt in einem weiten Sinne der „Vermittlung“ eine zunehmende Relevanz als wichtige Leistungsdimension der Wissenschaft. Zugleich werden durch die zunehmende Komplexität des Erkenntnisprozesses unterschiedlichste wissenschaftliche Infrastruktureinrichtungen und damit zusammenhängende wissenschaftliche Leistungen immer wichtiger, wie auch umgekehrt diese zunehmende Komplexität der Infrastrukturen die wissenschaftliche Arbeit beeinflusst.

Ronzheimer: Was sind nun die großen Steine, die Sie mit Ihren Empfehlungen ins Wasser der wissenschaftspolitischen Entscheidungen werfen, damit sie dort Kreise ziehen? Was sind Ihre „Big Points“?

Marquardt: Das deutsche Wissenschaftssystem sollte sich in den kommenden Jahren mehrdimensional, sowohl vertikal – nach Leistung – als auch horizontal – nach den erwähnten vier Leistungsdimension – ausdifferenzieren und vielfältig zusammenarbeiten. Das betrifft die Hochschulen wie außeruniversitäre Forschung gleichermaßen.

Es sollten Instrumente geschaffen werden, die auf alle relevanten Leistungsdimensionen gleichermaßen abzielen und eine entsprechende Profilbildung unterstützen. Hochschulen sollten ihre konstitutive Rolle im Wissenschaftssystem besser wahrnehmen können, und zwar durch bessere Governance, weiter gefasste rechtliche Rahmenbedingungen und günstigere finanzielle Voraussetzungen. Wir bezeichnen dies als „Kultur der Ermöglichung“. Für den Bereich der rechtlichen Rahmenbedingungen wären Beispiele dafür Experimentierklauseln und die Möglichkeiten des Wissenschaftsfreiheitsgesetzes. Bei den finanziellen Rahmenbedingungen wären das etwa disponible Mittel und mehr Planungssicherheit. Bei der Förderstruktur wäre an möglichst variable Angebote zu denken, so dass sich das Förderangebot nach dem wissenschaftlichen Bedarf richtet, nicht umgekehrt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die stärkere Personenförderung im Wissenschaftssystem, das bedeutet sowohl bessere Qualifizierung von Personen (in der Lehre durch bessere Betreuungsrelationen und durch eine heterogene Studierendenschaft) als auch attraktive Bedingungen für wissenschaftliches Personal und die wissenschaftlichen Karrierewege.

Ronzheimer: Und wie halten Sie es mit dem Föderalismus?

Marquardt: Bund und Länder sollten noch stärker als bislang gemeinsam die Verantwortung für das Wissenschaftssystem wahrnehmen. Sie können das auch unter den Bedingungen des bestehenden Grundgesetzes. Das impliziert allerdings bestimmte Limitationen, vor allem für dauerhafte gemeinsame Förderung beispielsweise bei der Förderung von Einrichtungen. Wir schlagen in unserem Papier vor, dass sich Bund und Länder in Form eines „Zukunftspakts“ – der die bisherigen Pakte fortsetzt und sie dabei zusammenführt – mit einem in sich stimmigen Bündel von Maßnahmen verabreden sollten. Dieser Zukunftspakt wäre ein Instrument gemeinsamer Verantwortung für Fragen der Gestaltung und Finanzierung sowie damit vor allem auch ein Instrument der Sicherung von Nachhaltigkeit und Planungssicherheit für das Wissenschaftssystem.

Ronzheimer: Das öffentliche Wissenschaftssystem in Deutschland wird von Bund und Ländern getragen. Wie wirken sich die von Ihnen angesprochenen und vorgeschlagenen Veränderungen auf die Lastenverteilung aus? Konkret: Wer finanziert den Zukunftspakt?

Marquardt: Die geforderten zusätzlichen Mittel für den Zukunftspakt sind eine unverrückbare Notwendigkeit, damit das Wissenschaftssystem seine zentralen Aufgaben für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik auch künftig auf hohem Niveau erbringen kann. Die Finanzierung des Zukunftspaktes wird nur auf Basis erheblicher Anstrengungen der Länder und des Bundes möglich sein. Zumindest müssen die bisher für die verschiedenen Pakte aufgewendeten Mittel dauerhaft im Wissenschaftssystem verbleiben; dies allein wird aber noch nicht ausreichen. Der Wissenschaftsrat ist sich bewusst, dass insbesondere die Steigerung der Grundfinanzierung der Hochschulen die Länder vor große Herausforderungen stellt und nur vor dem Hintergrund einer stärkeren Beteiligung des Bundes an Gestaltung und Finanzierung des Wissenschaftssystems gelingen wird. Gleichwohl sind Bund und Länder gleichermaßen gefordert, in Zukunft die Prioritäten klar zugunsten von Bildung und Wissenschaft zu setzen und dies auch konsequent umzusetzen. Jede Lösung sollte von drei grundlegenden Leitsätzen bestimmt sein: Erstens sollte der Zusammenhang von Finanzverantwortung und Gestaltungsanspruch gewahrt bleiben; zweitens sollten keine kompensatorischen Effekte oder Praktiken angestrebt werden; und drittes sollte der Grundsatz der fairen Lastenverteilung beachtet werden.

Ronzheimer: Und wie lautet Ihr Vorschlag?

Marquardt: Unser Papier bezieht eine klare Position, was den erforderlichen Aufwand betrifft, es klammert die Frage, wie die Lasten zu verteilen sind, jedoch bewusst aus. So wichtig diese Frage auch sein mag, sie kann nicht im Wissenschaftsrat geklärt werden. Die im Zukunftspakt zu vereinbarenden Maßnahmen dienen dem vorrangigen Ziel, die derzeit von Bund und Ländern aufgewendeten Mittel für das Wissenschaftssystem dort weiter zu erhalten und kontinuierlich zu steigern. Dazu sind neue Formen der Zusammenarbeit von Bund und Ländern erforderlich, für die auch die notwendigen verfassungsrechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um die dauerhafte und substanzielle Beteiligung des Bundes an der Gestaltung und Finanzierung des Wissenschaftssystems und insbesondere der Hochschulen zu ermöglichen.

Ronzheimer: Der Wissenschaftsrat schlägt zur Stärkung der Hochschulen das neue Förderinstrument der Liebig-Zentren vor. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Marquardt: Die strategische Etablierung und langfristige Förderung herausragender Leistungsbereiche ist für die Profilbildung einer Hochschule unerlässlich. Bislang fehlen ihnen dafür die geeigneten Instrumente. Das neue Förderinstrument der Liebig-Zentren soll diese Lücke schließen und bietet eine Möglichkeit zur besonders langfristigen Förderung von Profilbereichen an Universitäten und Fachhochschulen. Liebig-Zentren sollten daher mit den Profilierungskonzepten der Hochschulen verbunden sein. Sie bieten beispielsweise den bereits existierenden, aber zeitlich eng befristeten Vorhaben, etwa Exzellenzclustern oder Graduiertenschulen, eine Perspektive, könnten aber auch eine Schwerpunktsetzung in der forschungsorientierten Lehre unterstützten. Diese Zentren sollten direkt dem Präsidium zugeordnete, weitgehend eigenständige Einrichtungen der Hochschule sein.

Der Wissenschaftsrat geht davon aus, dass etwa 40 solcher Zentren in Deutschland gefördert werden sollten. Ihre Auswahl erfolgt auf der Basis einer wissenschaftlichen Bewertung und wissenschaftspolitischen Stellungnahme durch den Wissenschaftsrat; die Entscheidung fällt die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz.

Ronzheimer: Hochschul-Innovation Nummer zwei ist das neue Förderinstruments der Merian-Professur. Was ist der Vorschlag?

Marquardt: Die Profilbildung an Universitäten und Fachhochschulen in allen Leistungsdimensionen beruht wesentlich auf strategischen Berufungen. Instrumente, die die Rekrutierung herausragender Personen aus dem In- und Ausland erlauben, sind derzeit vor allem als personenorientierte Förderoptionen gestaltet und dienen nicht hinreichend der Strategieentwicklung und -umsetzung durch die Hochschulen.

Der Wissenschaftsrat empfiehlt daher die Etablierung eines neuen, von Bund und Ländern gemeinsam zu finanzierenden Instruments der „Merian-Professur“, um explizit wissenschaftsgetriebene Schwerpunktsetzungen im Kontext einer übergeordneten Profilierungsstrategie der Hochschule voranzutreiben. Die Professur soll es ermöglichen, fachlich herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland auf Schlüsselpositionen mit Schwerpunkten in Forschung, Lehre, Transfer oder Infrastrukturleistungen zu berufen und für ihre gesamte Verweildauer an der Hochschule zu fördern. Die überdurchschnittliche Ausstattung dieser nachhaltig geförderten Professur schafft besondere Freiräume und erlaubt so die strukturbildende Umsetzung einer langfristig angelegten wissenschaftlichen Strategie der Hochschule. Daher ist die Professur an die antragstellende Hochschule gebunden. Das durch solche Berufungen gewonnene herausragende Personal wird über die Zeit weitere leistungsstarke Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit einem ähnlichen Interessenschwerpunkt anziehen und somit die Herausbildung von spezifischen Leistungsbereichen an Hochschulen vorantreiben.

 

Die Fragen wurden anlässlich der Pressekonferenz des Wissenschaftsrates am 15. Juli 2013 im Wissenschaftsforum Berlin von Manfred Ronzheimer gestellt.

Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems (Drs. 3228-13), Juli 2013
http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/3228-13.pdf

Hintergrundinformation zum Zukunftspakt für das Wissenschaftssystem
http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/hginfo_1713.pdf