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Goliaths Geburtstag

03.07.2015

Manfred Ronzheimer

Die Helmholtz-Forschungsgemeinschaft feiert 20 Jahre, und ist doch älter

Bild: Marco Urban/HGF

„Think big, act big – Denke groß und handle so“, ist der Lieblingsspruch von Jürgen Mlynek, dem scheidenden Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF). Die Wissenschaftsorganisation ist der Goliath in der deutschen Forschungslandschaft. Mit 38.000 Beschäftigten und einem Jahresbudget von 3,8 Milliarden Euro ist sie doppelt so groß wie die Forschungs-Schwestern Max Planck- und Fraunhofer-Gesellschaft. Vor allem: Helmholtz ist politisch, weil zu 90 Prozent aus dem Haushalt des Bundesforschungsministeriums finanziert. In dieser Woche wurde in Berlin der 20. Geburtstag der HGF gefeiert – mit großem politischen Bahnhof inklusive Kanzlerin und sämtliche Forschungsministerinnen seit 1995.

 

Zugleich eine Abschiedsfeier für den Physiker Mlynek, der nach zehn Jahren im September das Präsidentenamt an den Mediziner Otmar Wiestler, den Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, übergibt. Im Rückblick betont Mlynek, dass ihm zwei forschungspolitische Grundausrichtungen besonders am Herzen gelegen haben. Nach innen war dies die Einführung der so genannten „Programmorientierte Forschungsförderung“, die sich aus der Nähe zur Politik und den „Grand Challenges", den großen gesellschaftlichen Herausforderungen für die Wissenschaft ergibt. Dazu zählen der Klimawandel, die Energiewende und die großen Volkskrankheiten. Nach außen war für Helmholtz die Öffnung zu den Hochschulen wichtig, in der Wissenschaftspolitik als „Entsäulung des Forschungssystems“ bezeichnet. Aus dieser Annäherung sind Fusionen wie das Karlsruhe Institut für Technologie (KIT) entstanden, zu der das außeruniversitäre Forschungszentrum Karlsruhe (vormals Kernforschungszentrum) und die Technische Universität Karlsruhe fusionierten.

Gemeinsame Tochter-Einrichtungen wurden in Aachen/Jülich und in Berlin gegründet. Das Uniklinikum Charité und das Max Delbrück-Centrum für molekulare Medizin in Berlin-Buch verschmelzen derzeit ihre Forschergruppen zum „Berliner Institut für Gesundheitsforschung“ (BIG).

 

Auch die Zahl der Standorte stieg unter Mlyneks Ägide von 15 auf 18: Neu hinzu kamen das Zentrum für neuro-degenerative Erkrankungen in Bonn, das Zentrum für Meeresforschung Geomar in Kiel und das Forschungszentrum in Dresden-Rossendorf, dem einstigen Zentralinstitut für Kernforschung der DDR. „Helmholtz ist sichtbarer geworden und wir konnten, wie beim Beispiel Energiewende, mehr Durchschlagswirkung erzielen", zieht der Alt-Präsident Bilanz.

 

Bei Nachfolger Wiestler nimmt es nicht Wunder, dass er durch sein Herkommen als Pathologe mehr die medizinischen Kompetenzen der HGF herausstellt. Etwa mit dem Verweis auf die zwei Nobelpreise, mit denen das Krebsforschungszentrum geadelt wurde (zur Hausen, Hell). Auch auf diesem Feld, ist Wiestler wichtig, hat sich der träge Tanker Helmholtz in den letzten Jahren bewegt. Denn das zentrale Defizit der gesundheitsbezogenen Großforschung in Deutschland, nämlich anders als im Ausland über keine eigenen Kliniken zu verfügen, erhöhte die Kooperationsbereitschaft der außeruniversitären Forscher mit den Uni-Klinika. Jüngste institutionelle Innovationen, um den großen Volkskrankheiten wissenschaftlich Paroli zu bieten, sind die „Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung“. Wiestler: „Wir haben den Auftrag, uns um die wichtigen Themen zu kümmern". Entscheidend sei, und dies gelte auch für andere Forschungsfelder, eine bruchlose Kette der Kooperation von der Grundlagenforschung bis hin zur Anwendung in Form von Prototypen oder Spin-offs hinzubekommen. Diese Form der Vernetzung werde für die Helmholtz-Gemeinschaft weiter eine Leitorientierung sein.

 

Die Nähe zur Politik ist für die Helmholtz-Gemeinschaft Schirm und Last. Auch wenn die jetzige Geburtstagsfeier sich nur auf die förmliche Gründung unter dem neuen Namen des Berliner Physiologen Hermann von Helmholtz vor 20 Jahren bezog – die deutsche Großforschung ist älter. In den 50er Jahren entstanden nach dem Vorbild der „National Labs“ in den USA auch in der Bundesrepublik große Forschungszentren, die die zivile Nutzung der Atomenergie vorantreiben sollten (Karlsruhe, Jülich, Geesthacht). Dazu wurden Kernreaktoren und andere Großgeräte benötigt, die sich keine Universität leisten konnte. Ein neuer Forschungstypus war geboren. 1958 wurde als erster HGF-Vorläufer der „Arbeitsausschuss für Verwaltungs- und Betriebsfragen der deutschen Reaktorstationen" gegründet, der 1970 – auch mit Erweiterung um die Informationstechnik als Forschungsgebiet – zur "Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen" (AGF) umfirmierte. 1995 wurde aus der AGF die HGF. Die politische „Leinenführung“ der Großforschung ist bis heute noch zu spüren. Auch wenn das inhaltliche Spektrum inzwischen breit gefächert ist, und von der Hochenergiephysik über Luft- und Raumfahrt bis zur Umwelt-, Geo- und Polarforschung reicht. Kein Flecken der Erde, für den sich keine Helmholtz-Zuständigkeit ergibt. Hinzu kommt die Gesundheit des Menschen. Das Rauchverbot, wer hat’s erfunden? Eine gelungene gesellschaftliche Intervention der Heidelberger Krebsforscher.

 

Und auch die Politik arbeitet gerne mit Helmholtz. Als vor einigen Jahren das Wissenschafts-Geld in der schleswig-holsteinischen Landeskasse knapp wurde und als Sparmaßnahme die Schließung der medizinischen Fakultät der Universität Lübeck anstand, da schaltete sich die damalige Bundesforschungsministerin Schavan ein. Um der Kieler Landesregierung Mittel zufließen zu lassen – aber nicht auf direktem Wege, was der Wissenschafts-Föderalismus damals noch verhinderte -, ließ sie das Meeresforschungsinstitut IFM-Geomar an der Universität Kiel zu einem Forschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft umwandeln. Der Bund zahlte nun 90 Prozent der Kosten. Beim Festakt in dieser Woche verteidigte Schavan ihren damaligen Deal: „Geomar: ich täte es wieder“. In bestimmten Situationen müsse für die Wissenschaft auch politisch entschieden werden.

 

 

Bild: Marco Urban/HGF