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Europa ist größer

19.12.2013

Manfred Ronzheimer

Erfolg für den Dachverband der europäischen Wissenschaftsakademien ALLEA

Bildquelle: ALLEA

Die Geistes- und Sozialwissenschaften sind auf der europäischen Forschungsbühne angekommen. Im neuen Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020, das zum Jahresende 2013 die Zustimmung des EU-Parlaments erhalten hat, kommen die „weichen“ Fächer erstmals mit einer eigenen Programmlinie vor. „Das ist für uns ein großer Erfolg“, freut sich Günter Stock, der amtierende Präsident des Dachverbandes der europäischen Wissenschaftsakademien ALLEA.

Insgesamt stehen für Projekte der Geistes- und Sozialwissenschaften in den Jahren 2014 bis 2020 rund 1,15 Milliarden Euro in einem eigenen Titel bereit. Die Vergabe folgt bestimmten Programmschwerpunkten, die von  den Wissenschaftlern und ihren Organisationen zusammen mit der EU-Kommission im kommenden Jahr eingehend beraten werden. Ein Thema wird die digitale Sicherung historischer Kulturgüter sein. Weiterhin können die Geistes- und Sozialwissenschaftler von einem „Verknüpfungs“-Programm mit dem Titel „Science with and for Society“ profitieren, für das rund 430 Millionen Euro bereitstehen. Nicht zuletzt sind die Kultur- und Gesellschaftsdisziplinen bei der Vergabe von gut dotierten Förderprojekten nach Entscheidungen des Europäischen Forschungsrates ERC – quasi der DFG auf Europa-Ebene – vertreten. In den letzten Jahren bewegte sich dies in einem Anteil von 20 bis 25 Prozent.

Wichtig war es den europäischen Geistes- und Sozialforschern allerdings, künftig mit einem eigenen Titel an den Brüsseler Fördergeldern zu partizipieren. „Diese Fächer sollten nicht nur als Anhängsel und Addition zu anderen Disziplinen auftauchen, etwa zur gesellschaftlichen Akzeptanzforschung für ingenieurtechnische Projekte“, umschreibt Prof. Stock den Willen, nicht nur als „fünftes Rad am Wagen“ der Forschungspolitik zu gelten. Dies wurde kürzlich mit einem weiteren Schreiben der ALLEA an EU-Kommissionspräsident Baroso erneut bekräftigt.

„Wir Wissenschaftler haben uns zu wenig um Europa gekümmert und dieses Thema in erster Linie den Politikern überlassen“, bemerkt Günter Stock im Rückblick auf seine bisherige Amtszeit als ALLEA-Präsident. Der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften steht seit dem Frühjahr 2012 auch dem europäischen Akademie-Dachverband ALLEA (All European Academies) vor. ALLEA – 1994 gegründet – gehören derzeit 53 wissenschaftliche Akademien aus 40 europäischen Staaten an, so etwa die Académie des Sciences in Paris, die Royal Society in London, die Königlich Schwedische Akademie, die Königlich Niederländische Akademie, die Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften, die Russische Akademie der Wissenschaften oder die Accademia Nationale dei Lincei in Rom.

„Hinter ALLEA stehen die großen traditionsreichen europäischen Wissenschaftsakademien und damit etwa 10.000 exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“, erklärt Professor Stock. „Dieses Potenzial und seine Bedeutung für die europäische Wissenschaft und Forschung noch sichtbarer zu machen, ist in den kommenden Jahren eine der großen Aufgaben für ALLEA“. Schwerpunkte der Tätigkeit sind die Formulierung von Stellungnahmen von ALLEA zu wichtigen wissenschaftlichen Themen der Zukunft, die Stärkung der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften in Europa einschließlich der „e-humanities“ und die Initiierung eines Forschungsprogramms zur kulturellen Identität Europas. Mit der Wahl des deutschen Präsidenten wechselte auch die Geschäftsstelle der Organisation von Amsterdam nach Berlin.

Dass in den Zeiten der Euro-Krise Europa nur als wirtschaftliche Problemzone wahrgenommen und dementsprechend politisch agiert wurde, hat Günter Stock massiv gestört. „Gerade in dieser Situation müssen wir doch deutlich machen, dass Europa auf einem geistigen Fundament ruht“, hebt der ALLEA-Präsident hervor. Sein Wissenschafts-Europa ist größer als „EU-27“, es umfasst auch Länder wie die Türkei und die Ukraine. Und in seinem geistigen Horizont überschreitet es zudem die geografische Definition: Der kulturelle Einfluss von Europa auf Latein- und Nordamerika dauert bis heute an.

Neben der forschungspolitischen Interessenvertretung wirkt ALLEA verstärkt nach innen, indem zum Beispiel gemeinsame Standards für die Arbeit von Wissenschaftsakademien entwickelt werden. Ein großes Projekt, das auch bei der letzten Generalversammlung im April 2013 in Berlin im Mittelpunkt stand, ist die Bewahrung des Erbes in Zeiten der Digitalisierung. An die zehn Akademien haben bereits jede für sich Projekte zur Langzeit-Archivierung begonnen. Eine neue Arbeitsgruppe in ALLEA will sie miteinander vernetzen und gemeinsame technische Richtlinien entwerfen. „Heute ein Buch zu lesen, das 1000 Jahre alt ist, ist kein Problem“, erläutert Stock. „Aber niemand weiß, wie wir unsere digitalen Bestände in 1000 Jahren werden benutzen können.“ In einem wissenschaftlichen Symposium „Management of lage data corpora“ diskutierten internationale Experten aus unterschiedlichen Perspektiven, wie Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen die Möglichkeiten der Digitalisierung insbesondere von großen Datenmengen nutzen können und welche Herausforderungen damit verbunden sind.

Nicht zuletzt sind es die großen gesellschaftlichen Veränderungen und Problemfelder, die ALLEA im Blick hat und Lösungen anbieten will. „Ohne wissenschaftsgeleitete Beratung wird es Gesellschaft und Politik nicht gelingen, die vor uns liegenden Herausforderungen wie Klimawandel, Ernährungssicherheit, demografischer Wandel, Cybersecurity oder nachhaltiges Wachstum zu bewältigen“, ist die Überzeugung von Präsident Stock. „Es ist eine zentrale Aufgabe von Akademien, zu diesen Fragen nicht nur technologische Expertise zur Verfügung zu stellen, sondern insbesondere soziale und ethische Gesichtspunkte zu reflektieren, um diesen Herausforderungen mit gesellschaftlich legitimierten und akzeptierten Innovationsstrategien zu begegnen“.

Sicherlich, Europa ist ein Kontinent im Stress. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hält den südlichen Teil des Kontinents weiter fest im Griff. Auch die Wissenschaft und ihre Einrichtungen sind davon betroffen. Professor Stock ist zwar besorgt über die Entwicklung, kann aber der Flucht von jungen griechischen und portugiesischen Forschern aus ihrer Heimat auch etwas Positives abgewinnen. „Diese ungeplante Migration finde ich grundsätzlich wunderbar, denn Wissenschaft muss migrieren“, sagt der Akademie-Lenker. Je mehr man voneinander erfahre, desto besser. Letztlich handele es sich nicht um einen „Brain Drain“, weil die meisten Wissenschafts-Exilanten später wieder in ihre Heimatländer zurückkehrten. Ein Gutteil des Aufschwungs von China und Indien sei solchen wissenschaftlichen Rückkehrer zu danken, betont Stock. „Wir müssten deshalb diese Bewegung unterstützen und aus ihr eine große europäische ‚Brain Circulation’ machen.“

Link zur Website des Dachverbandes der europäischen Wissenschaftsakademien ALLEA: www.allea.org