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Entscheidend ist die internationale Spitzenstellung

22.07.2011

Die hochdotierten Humboldt-Professuren der AvH-Stiftung ziehen Forscher aus dem Ausland an.

Preisverleihung im Mai 2011 (Quelle: Humboldt-Stiftung/David Ausserhofer)

Preisverleihung im Mai 2011 (Quelle: Humboldt-Stiftung/David Ausserhofer)

„Hervorragende Köpfe ziehen hervorragende Köpfe an“, beschreibt Helmut Schwarz, Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH), das Prinzip der Humboldt-Professur, die seine Organisation seit drei Jahren vergibt. Im Mai war es wieder soweit: In einer feierlichen Zeremonie wurde der höchstdotierte deutschen Forschungspreis in Berlin an acht herausragende Wissenschaftler vergeben. Anlass für eine erste Bilanz.

Mehr Geld als beim Nobelpreis: 3,5 Millionen Euro für Theoretiker sowie fünf Millionen für experimentell arbeitende Wissenschaftler stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung für jede Humboldt-Professur über eine Laufzeit von fünf Jahren zur Verfügung. Mit der für deutsche Verhältnisse enormen Summe sollen sich die Hochschulen im internationalen Wettbewerb um Spitzenkräfte besser behaupten können. Mehr noch als das Gehalt lockt die Forscher allerdings exzellente Ausstattung der Lehrstühle, die das Preisgeld ermöglicht und die unverzichtbar für den Aufbau neuer, zukunftsweisender Forschungsprojekte ist.

Bislang sind insgesamt 20 Humboldt-Professuren an deutschen Hochschulen eingerichtet worden; vier weitere Kandidaten sind bereits nominiert und befinden sich aktuell in Berufungsverhandlungen. Neben den Qualifikationen der Preisträger zählt für die Nominierung vor allem auch das Gesamtkonzept der vorschlagenden Hochschule: Trägt der Preisträger dazu bei, Profil und Wettbewerbsfähigkeit der Hochschule im internationalen Vergleich zu stärken? Wie stellt die Hochschule eine langfristige Perspektive sicher?

Internationalität gewünscht – nicht immer erreicht

Die bislang ausgewählten Wissenschaftler sind durch die Bank weg engagierte und interessante Persönlichkeiten. Sie sind hoch motiviert, innovative universitäre Strukturen aufzubauen, um mit diesen neuen Instituten und Laboren weitere Spitzenkräfte anzuziehen. Der intendierte Effekt: die internationale Konkurrenzfähigkeit der deutschen Forschung zu stärken. Schon jetzt hat die deutsche Forschungslandschaft im Ausland einen guten Ruf, wie die Resonanz auf die ersten Ausschreibungsrunden der Humboldt-Professur zeigt: Abgesagt haben bislang nur wenige. Und bei denjenigen, die einen Rückzieher gemacht haben, gaben oft auch private Gründe den Ausschlag.

In der Alexander von Humboldt-Stiftung ist man allerdings überrascht über den relativ hohen Anteil deutschsprachiger Wissenschaftler unter den Preisträgern. „Die Professur ist nicht als Rückholprogramm gedacht“, betont Georg Scholl, Leiter des Referats Presse, Kommunikation und Marketing der AvH. „Entscheidend ist die internationale Spitzenstellung eines Kandidaten und nicht seine Staatsangehörigkeit.“

Prof. Ulrike GaulImmerhin bringen die zurückkehrenden deutschen Wissenschaftler, die über viele Jahre in anderen Ländern und Wissenschaftskulturen gearbeitet haben, wertvolle neue Perspektiven mit. Beispielsweise Ulrike Gaul: Die Entwicklungsbiologin, Preisträgerin des ersten Jahrgangs und noch immer einzige Frau unter den Ausgezeichneten, ist nach 20 Jahren an US-amerikanischen Universitäten, zuletzt an der Rockefeller University in New York, zurück nach Deutschland gekehrt. Hier baut sie inzwischen im zweiten Jahr am Münchener Genzentrum der Ludwigs-Maximilians-Universität (LMU) das Zukunftsfeld der Systembiologie auf. Sie zieht eine positive Bilanz: „Das Modell Humboldt-Professur hat auf jeden Fall seine Ziele erfüllt“, sagt sie. Dank der exzellenten finanziellen Ausstattung eröffneten sich für sie Möglichkeiten, die es ansonsten nie gegeben hätte. Ein weiteres Argument für Deutschland: Hier ist die Forschungsförderung stetiger und berechenbarer als in den USA. Hinzu kommt für sie das hervorragende Umfeld in München.

Frauen unterrepräsentiert

Nennenswerte Probleme bei der Rückkehr hatte die gebürtige Schwäbin nicht. Die Hochschulleitung habe sich in den Verhandlungen ausgesprochen konstruktiv verhalten, und bis heute funktioniere die Zusammenarbeit gut. „Die Unterrepräsentation von Frauen in der Spitzenforschung macht mir allerdings große Sorgen“, bemerkt Gaul. Diese wirke sich auch auf die Wissenschaftskultur aus, die „männlich dominiert“ und damit einseitig sei. Hier liege ein ernstes Problem, das Deutschland angehen müsse. Zwar werden zunehmend Gelder für Frauenförderung bereitgestellt, das allein reicht aber ihrer Einschätzung nach nicht aus. „Viele Forscherinnen sind noch immer im Zwiespalt zwischen Familie und Karriere und rückten nur selten in Top-Positionen“, betont Gaul. Die Mentalitäten und sozialen Rahmenbedingungen seien nach wie vor dem beruflichen Aufstieg von Frauen nicht förderlich.

Diesen Eindruck teilt auch Georg Scholl, macht aber deutlich: „Bei der Nominierung und Auswahl der Preisträger gibt es grundsätzlich keine Quoten, weder was das Geschlecht angeht, noch bei der Nationalität.“ Es gehe allein um Exzellenz, die sich anhand von Gutachten und Publikationen messen lassen müsse. Die Funktion der Humboldt-Stiftung sei nur beratend. „Wir können nur an die Hochschulen appellieren, gezielter nach qualifizierten Frauen Ausschau zu halten“, wünscht sich Scholl.

Bis dahin bleibt die Rückkehr von Ulrike Gaul ein beispielhafter Einzelfall. Wie auch bei den meisten anderen Preisträgern ist ihre Tätigkeit in Deutschland auf Dauer angelegt. Ihr Lehrstuhl bleibt auch nach Ablauf der Förderung erhalten. Und sie ist dabei, ihre Expertise und Vision in die deutsche Wissenschaftslandschaft einzubringen. Ein Neuantrag für die Graduiertenschule „Quantitative Biosciences Munich (QBM )“, für den sie den Anstoß gab und als Koordinatorin wirkte, hat es bereits in die Endrunde der zweiten Exzellenzinitiative geschafft.

Forscher beklagen Gremien- und Verwaltungsarbeit

Für die Forschungs- und Laborarbeit bietet die Humboldt-Professur hervorragende Voraussetzungen. Spätestens nach Antritt der Professur wird vielen Preisträgern allerdings klar, dass daneben reichlich Gremien- und Verwaltungsarbeit auf sie zukommt. Manche Strukturen an den deutschen Hochschulen sind „wirklich furchtbar bürokratisch“, findet Ulrike Gaul. Zwar habe sich seit ihrem Weggang vor zwei Jahrzehnten vor allem auch durch die Exzellenzinitiative einiges getan, allerdings seien viele Abläufe nach wie vor sehr umständlich und mühsam. „Einerseits wird ohne mit der Wimper zu zucken viel Geld für teure Laborausstattung bereitgestellt, gleichzeitig aber müssen beispielsweise kleine Ausgaben oft doppelt und dreifach belegt werden“, beklagt sie. Gaul plädiert für einen Globalhaushalt, wie er in den USA üblich ist und inzwischen auch von der DFG verfochten wird. Dort werde auf den mündigen Wissenschaftler vertraut, der selbstbestimmt und verantwortungsvoll mit seinem Etat umgehen könne. Damit habe der Wissenschaftler selbst unmittelbar einen Anreiz, unverhältnismäßige Ausgaben zum Beispiel bei Reisekosten zu unterlassen, könne andererseits aber auch selbst entscheiden, wie viel Gehalt ihm ein wichtiger Mitarbeiter wert ist. „Mehr Vertrauen in die Eigenverantwortung der Wissenschaftler würde auch in Deutschland den Forschern mehr Freiraum und Flexibilität ermöglichen und das Land noch attraktiver für weitere internationale Persönlichkeiten aus der Wissenschaft machen“, meint Gaul.

Insgesamt lässt sich nach drei Jahren eine positive Bilanz der Humboldt-Professur ziehen. Im Umfeld der Exzellenzinitiative passt der Preis in die allgemeine Aufbruchstimmung der deutschen Wissenschaftslandschaft. Die AvH-Stiftung will bald beginnen, die Wirkung des Programms eingehender zu evaluieren. „Dann wird sich zeigen, wie groß die Wirkung tatsächlich ist“, sagt Scholl. Eine positive Beachtung im europäischen Ausland sei allerdings jetzt schon spürbar.

Klaudia Gerhardt für Lemmens Online

http://www.humboldt-foundation.de/web/pressemitteilung-2011-17.html
Pressemitteilung vom 12. Mai 2011 mit Liste der Preisträger

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