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Deutsche Industrieforschung legt wieder zu

06.12.2011

Stifterverband präsentierte Daten zur FuE in der Wirtschaft 2010

Die deutsche Wirtschaft investiert nach der Wirtschaftskrise wieder mehr in Forschung und Entwicklung. Das geht aus den neuesten Zahlen des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft hervor, die am 5. Dezember 2011 in der Bundespressekonferenz in Berlin vorgestellt wurden. Danach wurden im Jahr 2010 von der deutschen Wirtschaft insgesamt 46,93 Mrd. Euro für Forschung und Entwicklung (FuE) in ihren eigenen Unternehmen ausgegeben. Dies sind 3,7 Prozent mehr als im Jahr 2009, das damals wegen der Wirtschaftskrise einen Rückgang der FuE-Ausgaben verzeichnete.

Nach Angaben des Stifterverbandes blieb damit die Quote der FuE-Aufwendungen der Wirtschaft als Anteil am Bruttoinlandsprodukt BIP praktisch auf dem Stand des Vorjahres bei 1,89 Prozent. Allerdings müssen zu den 46,93 Mrd. Euro an interner FuE weitere externe Forschungsaufträge in Höhe von 10,9 Mrd. Euro hinzugerechnet werden, die von den Unternehmen für ihren Innovationsbedarf beauftragt und fakturiert werden. „Nach unseren eigenen Schätzungen sind davon rund 4,2 Mrd. Euro an Hochschulen, Forschungsinstitute oder das Ausland geflossen, Aufträge im Wert von 6,7 Mrd. Euro wurden wiederum an Unternehmen vergeben“, sagte Dr. Gero Stenke, der Geschäftsführer der Stifterverband-Wissenschaftsstatistik. Mithin gibt die Wirtschaft 57 Mrd Euro für FuE aus.

Interne FuE-Aufwendungen

Hervorzuheben sind die beiden „Puffer“ externe FuE-Leistungen und Personal. Die externen FuE-Aufwendungen der Wirtschaft sind 2010 nämlich um rund drei Prozent gesunken. Eine erkennbare Rotstift-Wirkung des Krisenjahres. Außerdem erhöhte sich die Zahl der in Forschung und Entwicklung Beschäftigten im  Jahr 2010 um lediglich 1,4% gegenüber dem Vorjahr  auf 337.211 Vollzeitäquivalente, also nicht einmal halb soviel wie der Anstieg an Finanzmitteln. Der Anstieg beim Forschungspersonal „blieb etwas hinter den Erwartungen zurück“, bemerkte Stenke. Der Hauptgrund dafür liegt darin, dass im krisengeprägten Vorjahr das Personal nicht radikal abgebaut, sondern gehalten wurde. Gegenüber dem Vorkrisenjahr 2007 liegt die Zahl der FuE-Beschäftigten in der Wirtschaft 2010 um 4,8 Prozent höher.

Auch wenn die Zahlen in ihrem Volumen auf den ersten Blick beeindrucken,  lassen sich bei näherer Analyse doch Schwachstellen ausmachen, die sich längerfristig kritisch entwickeln können.

So ist das eine Manko der deutschen Industrieforschung, dass sie sie weiterhin ganz überwiegend eben industrielle Forschung und Entwicklung ist. Von 46 Mrd Euro interne FuE werden 40 Mrd Euro im verarbeitenden Gewerbe umgesetzt, und 39 Mrd Euro in Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten. Dienstleistungen und kleine Unternehmen fallen kaum in die Waagschale. Fehlt da nicht was für zukünftige Wirtschaftsstrukturen?

Die gesamte Dienstleistungsbranche kommt mit ihren FuE-Anstrengungen in Deutschland auf gerade mal 3 Mrd Euro, der Sektor Information und Kommunikation auf 2,7 Mrd Euro. Stenke hob hervor, dass in Deutschland der „Anteil des Dienstleistungssektors am Forschungsgeschehen immer noch geringer als in vielen anderen Industrieländern“ sei. Allerdings sei ein Wachstum zu erkennen.  Stenke: „Mit knapp 23.000 Beschäftigten (Vollzeitäquivalente) bei Information und Kommunikation und fast 27.000 bei den unternehmensnahen Dienstleistern liegt die Zahl der FuE-Beschäftigten inzwischen ungefähr auf dem Niveau von Chemie und Pharmazie“.

Manko Nummer 2 ist die Schlagseitigkeit zu Automobilindustrie. Mit rund 15  Mrd  Euro war die Kfz-Branche 2010 an den FuE-Ausgaben beteiligt. Nächstgrößere Gruppe ist die Elektroindustrie mit 6 Mrd Euro, also nicht einmal halb soviel. Der Maschinenbau verbucht 4,5 Mrd.

Interessant ist beim Blick durch die  Lupe auch die unterschiedliche Dynamik einzelner Branchen. Während der Kfz-Bau in 2010 seine internen FuE-Aufwendungen um 7,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesteigert hat (im Jahr davor allerdings ein Rückgang um 3 Prozent), läuft es in der Pharmabranche genau umgekehrt: 4 Prozent weniger FuE in 2010, aber im Krisenjahr davor ein Plus von 9,5 Prozent.  Elektro hat sich nach zwei Minusjahren wieder gerappelt und gibt 2010 wieder 2,7 Prozent mehr für FuE aus – anders als die Chemie, die im dritten Jahr hintereinander immer weniger in  FuE investiert: minus 2,3 Prozent in 2010. Vielleicht versteckt sich dahinter aber auch eine Flucht ins Ausland. Für grüne Gentechnik ist Deutschland schließlich eine „No go“-Area. Stenke merkte an, dass es hierbei „um Effekte handelt, die nur einige wenige große Unternehmen betreffen“ und wegen dieser Größe das Gesamtergebnis negativ beeinflussen. „Das Gros der beiden Branchen - Chemie und Pharmazie  - hat sich dagegen positiv entwickelt“.

FuE-Aufwendungen 2011

Leichtes Plus von 2,2 Prozent beim Maschinenbau. Das aber unter dem Durchschnitt des FuE-Zuwachs der Wirtschaft insgesamt von 3,6 Prozent liegt.

Dr. Arend Oetker, der Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, machte zu diesem Punkt in der Pressekonferenz darauf aufmerksam, dass aus den  Geschäftsberichten großer Konzerne hervorgehe, dass deutsche Unternehmen zunehmend auch im Ausland FuE betrieben. „Teilweise werden die FuE-Aktivitäten außerhalb Deutschlands stärker ausgeweitet als im Inland“, stellte Oetker  fest. Die Gründe hierfür seien vielfältig. So müßten Unternehmen ihre Produkte den technischen Gegebenheiten oder den Nachfragewünschen in einem bestimmten Markt, z.B. in China, anpassen. Oder sie fänden in Deutschland nicht im ausreichenden Maße Fachkräfte, um ihre FuE-Projekte zu realisieren. Oder die Standortbedingungen außerhalb Deutschlands seien für sie „attraktiver, etwa weil regulatorische Rahmenbedingungen, Standortkosten oder auch die Technikakzeptanz den Erfordernissen des Unternehmens besser gerecht werden“.

Der Stifterverband erhebt die Daten seit mehreren Jahrzehnten im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Sie basieren auf Angaben von 2.300 Unternehmen.

Prof. Dr. Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes, stellte die Zahlen in einen internationalen Zusammenhang, vor allem mit Bezug zum Lissabon-Ziel der Europäischen Union aus dem Jahr 2000. Danach sollte der EU-Raum binnen eines Jahrzehnts seine FuE-Aufwendungen auf drei Prozent des BIP steigern. Zwei Prozent sollten von der Wirtschaft kommen, ein Prozent von der öffentlichen Seite. Nach den aktuellen Zahlen lag der Wirtschaftsanteil in Deutschland 2010 bei 1,89 Prozent. Zusammen mit den öffentlichen Ausgaben für FuE komme Deutschland auf  2,82 Prozent. Schlüter: „Das sind zwar deutlich mehr als die 2,45 Prozent des Jahres 2000, aber um das Lissabon-Ziel einzulösen, hätten Staat und Wirtschaft im Jahr 2010 noch 4,7 Mrd. Euro mehr für FuE aufwenden müssen“.

War schon nicht Deutschland nicht in der Lage, das Drei-Prozent-Ziel zu überspringen, wie dann erst Europa insgesamt? Schlüter präsentierte diese Zahlen: Im Jahr 2009 wies die EU-15 einen Anteil der FuE-Aufwendungen am BIP von 2,1 Prozent aus – im Jahr 2000 waren es 1,92 Prozent gewesen. Innerhalb der EU-27 ist die FuE-Intensität nochmals geringer.  Auf Staatenebene liegen die FuE-Aufwendungen der Wirtschaft in Frankreich bei 1,37 Prozent, im Vereinigten Königreich bei 1,16 Prozent des BIP (2009). Der Wirtschaftssektor unseres niederländischen Nachbarn setzt sogar nur 0,88 Prozent des BIP für FuE ein. Investitionsfreudiger als in Deutschland waren die Unternehmen nur in kleinen Ländern wie Schweden (2,55%), Finnland (2,83%) oder Österreich (1,94%).

FuE-Aufwendungen

Vor diesem Hintergrund empfahl der Generalsekretär des Stifterverbandes, sich von dem illusorischen Globalziel zu verabschieden und es auch nicht weiter im neuen Forschungs- Rahmenplan für 2020 zu verfolgen. Schlüter: „International sollte sich Deutschland  weniger an einem politisch gesetzten Drei-Prozent-Ziel als vielmehr an den großen Forschungsnationen USA und Japan sowie aufstrebenden Staaten wie Korea, China oder Indien messen“. In Japan setzt die Wirtschaft 2,5 Prozent des BIP für FuE ein, zusammen mit dem Staat wird eine Quote von 3,33 Prozent erreicht. Einen Hauch besser ist noch Korea (3,36). In USA sind die FuE-Anstregungen der Wirtschaft mit gut zwei Prozent stärker als in Deutschland, allerdings wird der staatliche Part immer schwächer. Schlüter: „Das Land verliert damit an Boden gegenüber anderen Wettbewerbern. Auch Deutschland hat die USA bereits überholt.“

Die Orientierung Deutschlands sollte laut Schlüter im Benchmark mit den „zentralen Wettbewerbsnationen“ bestehen. Länder wie China und Indien seien bereits heute in der Lage, sowohl kostengünstig wie auch technologieintensiv zu produzieren – was etwa die deutsche Solarbranche derzeit massiv zu spüren bekomme -  und verfolgten eine „klare innovations- und qualifikationsbasierte Entwicklungsstrategie“. Dies stelle für Deutschland eine „zentrale Herausforderung der Zukunft“ dar.

Manfred Ronzheimer

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