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Atlas der deutschen Forschungslandschaft

25.05.2012

DFG stellte neue Förder-Statistik vor

Eine der wichtigsten wissenschaftspolitischen Publikationen des Jahres hat  die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gestern in Berlin vorgelegt: Ihren „Förderatlas 2012“  mit den von sieben Wissenschafts-Geldgebern ermittelten „Kennzahlen zur öffentlich finanzierten Forschung in Deutschland“. Das besondere Interesse gilt vor allem der Empfängerseite:  Die Institutionen und Orte, die die meisten  Forschungsgelder auf sich ziehen, gelten auch als die Wissenschafts-Top-Adressen in Deutschland. Von den Hochschulen sind das in diesem Durchgang: Aachen,  die LMU in München und die FU in Berlin. Bei den Forschungsregionen hat sich nun Berlin vor München an die Spitze gesetzt.

In seiner Vorstellung begründete  DFG-Präsident Matthias Kleiner zunächst den neuen Namen des Reports. Die fünf vorangegangenen Berichte nannten sich „Förder-Rankings“. Der erste, 1997, ging auf eine Anfrage der 10 größten Hochschulen Deutschlands an die DFG zurück, wie viele Drittmittel sie der Forschungsgemeinschaft erhielten. Die erste Tabelle war schnell erstellt. Doch „ein Zeitungsartikel, der das Ergebnis präsentierte“, so Kleiner, löste eine Nachfrage bei den weiteren Mitglieds-Hochschulen der DFG aus – das DFG-Ranking war geboren“. Aus der Top-Ten-Tabelle wurde ein Buch und in Folge eine Schriftenreihe. Zudem wurden an die Datensammlung auch immer qualitative Fragen gerichtet: nach erfolgreichen Forschungsprofilen. Dies solle auch der neue Name der Erhebung zum Ausdruck bringen, vom Ranking zum Atlas, von der Quantität zur Qualität. Und weil es sich um ein „mit vielen Karten und Tabellen versehenes Nachschlagewerk“ handele, habe man sich für die Bezeichnung eines „Atlas“ entschieden. Ein Atlas für die Forschungslandschaft.

Die Generalsekretärin der DFG, Dorothee Dzwonnek, die damals Kanzlerin der Uni Dortmund war, erinnerte sich daran, dass der 1997 veröffentlichte Bericht, eine 60-seitige hektografierte Broschüre mit dem Titel „Bewilligungen nach Hochschulen“ in der Uni-Szene „wie eine Bombe einschlug“. In den Leitungsgremien der Universität wurden die Tabellen „sehr aufmerksam studiert“, Vergleiche mit Universitäten ähnlichen Profils angestellt und zur Grundlage für „strategische Entscheidungen“ gemacht. (Randbemerkung: Die Tabelle auf Seite 75 zeigt, dass sich die TU Dortmund bei den DFG-Bewilligungen im Ranking von Platz 38 in den Jahren 1991/95 auf Rang 30  in 1999/2001 steigert und jetzt wieder auf Platz 37 liegt (2008/10).

Von den inhaltlichen Aspekten stellte Kleiner die Bedeutung der Drittmittel an die erste Stelle. Die Menge von und das wettbewerbliche Konkurrieren um Fördermittel für Forschungsprojekte – ob von DFG, anderen Wissenschaftsorganisationen, Bund oder EU -   habe „im deutschen Wissenschaftssystem innerhalb von wenigen Jahren stark an Bedeutung gewonnen“, stellte der DFG-Präsident fest. „Wettbewerb wird immer mehr zu einem dominierenden Faktor für Wissenschaft und Forschung“.

Die zentralen Zahlen: Während die Grundmittel der Hochschulen in Deutschland (überwiegend länderfinanziert) zwischen 1998 und 2009 nur moderat angewachsen sind  nämlich von 12,6 auf 15,5 Milliarden Euro - eine Steigerung von 23 Prozent –,  haben sich die von den Hochschulen im Wettbewerb eingeworbenen Drittmittel im selben Zeitraum um mehr als 100 Prozent von 2,5 auf über 5,3 Milliarden Euro erhöht. Die „Drittmittelquote“, also der Anteil der Drittmittel an der Gesamtfinanzierung der Hochschulen und ihrer Forschungen, wuchs in nur gut einem Jahrzehnt von 16 auf 26 Prozent.

Über 60 Prozent der Fördermittel kommen von drei Geldgebern: DFG, Bundesregierung und EU. Davon ist die DFG mit 35 Prozent die größte. Zwei Drittel der deutschen Professoren bewerben sich heute um DFG-Gelder. Am höchsten ist die Quote mit 90 Prozent bei den Naturwissenschaftlern. Auch die Zahl der beteiligten Einrichtungen steigt. Anfang der 90er Jahren bekamen  89 deutschen Hochschulen  DFG-Mittel. Heute sind es 186. Hinzu kommen 433 außeruniversitäre Einrichtungen, an denen mit DFG-Mitteln geforscht wird.

Kleiners Botschaft: „Der Wettbewerb um Drittmittel ist für weite Teile des Wissenschaftssystems zum selbstverständlichen Alltag geworden – man kann aber auch sagen: zur puren Notwendigkeit“. Hier kam der DFG-Präsident auf die Kehrseite der Medaille zu sprechen. Es gebe nämlich ein „deutlich zu vernehmendes Unbehagen“ unter den Wissenschaftler ob dieses ständigen Wettbewerbsdrucks und „Drittmittelzwangs“. Kleiner äußerte sich klar, dass dieses Unbehagen ernst genommen werden müsse. Dieses Unbehagen müssen auch gegenüber der Politik artikuliert werden, wenn diese noch immer mehr Wettbewerb im Wissenschaftssystem fordere. „Das ist genau die Rolle, die die DFG hier übernehmen kann und will, um im Sinne der Wissenschaft auf ein Gegensteuern zu drängen“, sagte Kleiner und präsentierte auch sofort die Lösung des Dilemmas: die Grundausstattung der Hochschulen müsse „dringend erhöht werden“.

Diesen Punkt betonte auch der Präsident der Uni Hamburg, Dieter Lenzen, in seiner Funktion als HRK-Vize bei der DFG-Pressekonferenz. Das Verhältnis zwischen Drittmitteln und Grundmitteln habe sich „in einem für die Hochschulen und auch für die Gesellschaft sehr problematischem Maße“ verschoben. Lenzen verdeutlichte dies an den Punkten Vollkosten und Nachwuchs. Zwar seien Drittmittel „unbestritten Qualitätsnachweise“,  aber sie würden auf der Basis von Ausstattungen (etwa Labore, Material, Personal) vergeben, die aus des Grundmitteln der Hochschule finanziert werde. Leider würden bei Drittmittelprojekten nicht die vollen Kosten der Projekte finanziert. Lenzen: „Antragserfolge aus der Wissenschaft bedeutend deshalb manchmal Kopfschmerzen für die Hochschulkanzler“. Beim Wissenschaftlichen Nachwuchs sei es so, dass er sich über die eingeworbenen Projekte zwar gut weiterbilden und qualifizieren können. Doch könne die Hochschule im Anschluß an dieses Projekte „schwerlich eine verlässliche Karriereplanung anbieten“. Die „Selbsterneuerung der Professorenschaft“, so Lenzen müsse deshalb auf Basis einer ausreichenden Grundausstattung erfolgen. Gerade mit Blick auf die aktuellen Diskussion zwischen Bund und  Ländern zur Neustrukturierung der föderalen Wissenschaftsfinanzierung könne der DFG-Atlas eine solide Faktengrundlage bieten.

(Hinweis: In der DFG-Rankingbetrachtung S. 75 wanderte die Uni Hamburg von Platz 17 (1991/95) auf ihren besten Wert Platz 7 in 1996/98 und liegt jetzt (2008/10) auf Rang 20)

Angesprochen auf das gute Abschneiden der Freien Universität Berlin, die unter seiner Präsidentschaft den  Exzellenzstatus erreichte, erklärte Lenzen, dass Leistungsverbesserungen zumeist grundlegende Strukturveränderungen voraus gehen müssten. Das habe in Berlin zwar einen langen Vorlauf gehabt. Es sei dann aber passend gewesen, dass Exzellenzwettbewerb genau zum Ende dieses Reformprozesses gekommen sein.

Der Generalsekretär des Stifterverbandes, Andreas Schlüter, übernahm in der Berichtsvorstellung den Europa-bezogenen Teil und hob hierbei besonders das gute Abschneiden der deutschen Industrieforschung hervor. In keinem anderen Land seien die Unternehmen so erfolgreich bei der Einwerbung von EU-Mitteln wie in Deutschland (Bericht S. 51). Während im EU-Schnitt 23 Prozent der FuE-Gelder an Industrie und Wirtschaft gehen, liegt in Deutschland dieser Anteil bei 26 Prozent (780 Mio EUR). Auch dies sei eine Aussage über wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.

Insgesamt flossen von den 18,6 Mrd Euro, die über das 7. Forschungsrahmenprogramm der EU vergeben werden, 16 Prozent  (3 Mrd EUR) nach Deutschland, das der größte Mittelempfänger ist, nach GB (2,7) und F (2,2).  Inhaltlich ist Deutschland  besonders stark bei IuK-Projekte, was laut Schlüter auch auf die „vergleichsweise hohe Beteiligung von Industrieunternehmen dieses Sektors zurückzuführen“ sei.

In der Pressekonferenz betonte DFG-Kleiner die Grundlagenorientierung der Förderprojekte. Auf die Frage, warum ein neuer Sonderforschungsbereich für Gasturbinen gefördert werde, wo der Siemens-Konzern diese Forschung – deren unmittelbarer Nutznießer er als großer Gasturbinen-Hersteller sei – selber besser im eigenen Hause durchführen könnte, antwortete Kleiner, dass bei den DFG-Projekte nicht die unmittelbare Nützlichkeit im Vordergrund stehe. Der Staat sei dafür verantwortlich, dass Vorsorge-Wissen produziert werden. In einigen Fällen engagiere sich die DFG aber auch beim „Erkenntnistransfer“, mit einem jährlichen Volumen von 20 bis 30 Mio Euro.

Manfred Ronzheimer

(Eine genaue inhaltliche Auswertung bringt Lemmens Online nach Pfingsten)

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DFG-Pressemitteilung Nr. 24 | 24. Mai 2012

DFG stellt „Förderatlas 2012“ vor: Wettbewerb um Drittmittel als „selbstverständlicher Alltag“

http://www.dfg.de/service/presse/pressemitteilungen/2012/pressemitteilung_nr_24/index.html

Der komplette Förderatlas 2012 ist gemeinsam mit weiteren Materialien im Internet abrufbar:

www.dfg.de/foerderatlas

Die gedruckte Ausgabe erscheint unter dem Titel:

Deutsche Forschungsgemeinschaft:

Förderatlas 2012 – Kennzahlen zur öffentlich finanzierten Forschung in Deutschland

Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2012, 300 Seiten, ISBN: 978-3-527-33378-3