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Wo bleibt Deutschland Innovations-Weltmeister?

15.04.2011

Der VDE-Trendreport Elektro- und Informationstechnik schaut ins Jahr 2020

Was sind die großen Technologietrends bis zum Ende des Jahrzehnts und wie wird sich Deutschland in ihnen behaupten? Diese Frage stellt der VDE seinen fachkundigen Expertenmitgliedern und faßte die Antworten in einer Trendstudie zusammen, die am 4.4. 2011 auf der Hannover Messe vorgestellt wurde. Wichtigstes Ergebnis: In den nächsten zehn Jahren bleibt Deutschland „Innovationsweltmeister“ in den Feldern Elektrotechnik, Automation und Medizintechnik, wenn auch mit leichten Verlusten. Besonders stark ist die deutsche Stellung bei Smart Grids.

Für den „VDE-Trendreport 2011 der Elektro- und Informationstechnik“ wurden Experten unter den insgesamt 1300 VDE-Mitgliedsunternehmen sowie von Hochschulen der Elektro- und Informationstechnik befragt. Erhoben wurden die Expertenurteile zu den spezifischen Stärken von Deutschland und Europa sowie anderer Konkurrenzregionen (USA, Japan, China, Indien) gegenwärtig und zu den erwarteten Veränderungen bis 2020.

Deutschland führende Technikposition sehen die befragten Experten derzeit in der Produktionstechnik. 82 Prozent antworteten, Deutschland sei hier 2011 das Land mit der größten Innovationskraft. Bis zum Ende des Jahrzehnts, 2020, sehen allerdings nur noch 60 Prozent diese Spitzenposition. Im gleichen Zeitraum wird ein Anstieg Chinas von 3 auf 26 Prozent (als „Land mit größter Innovationskraft“) erwartet. USA und Japan spielen keine Rolle.

Bei der Elektrotechnik ist der Wandel noch tiefgreifender. Jetzt sehen 77 Prozent Deutschland noch in der Führung, 2020 nur noch 46 Prozent. Während in China ein Aufstieg von 2 auf 38 Prozent erwartet wird. Der zweitgrößte Kompetenzsprung der Chinesen nach der Mikroelektronik.

In der Medizintechnik kann Deutschland mit jetzt 64 Prozent und in 2020 mit 57 Prozent die Position in etwa halten. Was auch daran liegt, dass sich in anderen Regionen keine Entwicklung vollzieht. Asien wird in diesem Jahrzehnt kein Produzent von Medizintechnik. USA rutschen leicht unter ihre 30 Prozent.

In den Stromtechniken E-Energy und Smart Grid sehen die Experten Deutschland jetzt zu 62 Prozent in der Führungsrolle, in 2020 aber nur noch zu 45 Prozent, während China von 2 auf 17 Prozent aufholt und auch die USA erstmals in diesem Segment eine Positivtrend heben (von 9 auf 13).

Bei den nächsten zwei Techniken kommt Deutschland im Mittelfeld an. In beiden Fällen – Nanotechnik und Mikrosystemtechnik – wird von 38 Prozent eine Innovationsführerschaft zuerkannt, die sich bis 2020 auf 24 Prozent NT und 26 Prozent MST verringert. Bemerkenswert bei der Nanotechnik ist, dass hier die USA, die derzeit mit 39 Prozent leicht die Nase vorn haben, keinen so starken Bedeutungsverlust wie Deutschland zu gewärtigen haben (nur 33 Prozent in 2020) und dass sich im gleichen Zeitraum China von Null auf 19 Prozent entwickelt. Das ist schon nah dran an Deutschlands dann 24 Prozent.

Bei der MST ist es sogar so, dass die Experten erwarten, die China hier – erstmals – Deutschland an Innvotionskraft abhängt. China wird ein Sprung von 2 auf 31 Prozent zugetraut. Deutschland in 2020 nur noch 26 Prozent.

Bei AAL Ambient Assited Living steht Deutschland derzeit mit 34 Prozent noch führend da (vor den auch starken AAL-Ländern USA 24 und Japan 19), und wird es auch 2020 mit 28 Prozent noch sein. China wächst nur auf 7 Prozent. Interessant ist, dass Japan seinen Anteil halten kann, ebenso Europa.

Im Bereich Safety und Security wird Deutschland auf 31 Prozent eingestuft, klare Junior-Position hinter den USA mit 50 Prozent. Allerdings wird Deutschland seinen Anteil bis 2020 halten können, während die USA auf 42 Prozent zurückgeht.

Unter allen Technologien gibt es nur eine einzige, von der die Experten erwarten, dass Deutschland dort 2020 besser dastehen wird als 2011. Das ist die Elektromobilität. Allerdings ist der Zuwachs von 26 auf 28 Prozent nicht besonders groß, verglichen mit dem Schub, der für China erwartet wird: von 14 auf 39 Prozent. China würde dann 2020 auch Japan als Innovationsführer in der Elektromobilität ablösen (jetzt mit 41 Prozent auf Rang 1, dann mit nur noch 14 auf Rang 14). Hier tauschen sich zwei asiatische Märkte komplett aus, in gleichen Größenordnungen. Erstaunlich, dass das Autoland USA bei der Elektromobilität binnen eines Jahrzehnt auf keinen grünen Zweig kommt. Im Gegenteil: Die Innovationskraft sinkt von 8 auf 6 Prozent.

Völlig aus dem Rennen ist Deutschland bei den letzten drei befragten Technologien: IKT-Infrastruktur, Informationstechnik und Mikroelektronik. Hier wird jetzt die deutsche Innovationskraft schon als sehr gering eingeschätzt: IKT-IS 7 Prozent, IT 6, ME 5, und alle werden weiter sinken: ME auf 1 Prozent, das wäre in 2020 ein Platz hinter Indien. Bei der IKT-IS findet allerdings der große Rückgang in den USA statt, die jetzt noch mit 63 Prozent dieses Feld absolut dominieren, sich bis 2020 aber auf 32 halbieren. Aufsteiger in diesem Segment sind 2020 Indien (20 Prozent dann und 2011 mit 9 schon vor Deutschland) sowie China (19).

Der gleiche Prozess wiederholt sich bei der IT, wo die USA ihre heutige Spitzenstellung mit 76 Prozent bis Ende des Jahrzehnts auf 36 Prozent halbiert, während in diesem Falle Indien mit dann 32 Prozent der große Gewinner ist. China wächst von 2 auf 22.

Gleicher Bedeutungsverlust der USA in der Mikroelektronik, wo die 52-Prozent-Führerschaft in 2011 in gleicher Größe 2020 an China übergeht (jetzt 8 Prozent). Mindestens ebenso dramatisch ist der Bedeutungsverlust Japans in der Mikroelektronik: jetzt 31, dann 12 Prozent.

Insgesamt stehen in den kommenden Jahren nach Meinung der VDE-Experten tiefgreifende Veränderungen in vielen Technologiefeldern bevor.

Die größten Bedeutungsverluste für Deutschland sieht die VDE-Studie ausgerechnet für die Elektrotechnik vorher (von 77 auf 46 Prozent). Oder kann das der Elektrotechnik-Verband noch umdrehen?

Chinas Aufholjagd

Zusammengefaßt noch einmal das erwartete Technologieprofil Chinas für 2020 als Land mit der größten Innovationskraft:

  • Mikroelektronik Platz 1: 52 Prozent (8 Prozent in 2011)
  • Elektromobilität Platz 1: 39 (14)
  • Elektrotechnik Platz 2: 38 (2)
  • Produktionstechnik Platz 2: 26 (3)
  • Mikrosystemtechnik Platz 1: 31 (2)
  • Informationstechnik Platz 3: 22 (2)
  • Nanotechnik Platz 3: 19 (0)
  • E-Energy/Smart Grid Platz 2: 17 (2)

Manfred Ronzheimer