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Wissenschaftsjahr 2012 eröffnet

08.02.2012

„Zukunftsprojekt Erde“ will Umweltforschung und Nachhaltige Entwicklung thematisieren

Im Humboldt-Carré in Berlin ist heute von Forschungsministerin Schavan und Umweltminister Röttgen das  neue Wissenschaftsjahr 2012 eröffnet worden. Es trägt den Titel „Zukunftsprojekt Erde“ und stellt die Themen Umweltforschung und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt. Im Unterschied zu früheren, größeren Eröffnungsveranstaltungen der Wissenschaftsjahre gab es diesmal nur eine Pressekonferenz und ein anschließendes Round-Table-Gespräch der Minister mit Kommunalpolitiker aus 27 Städten, die sich am Wettbewerb  „ZukunftswerkStadt“ beteiligen. Der ursprünglich angekündigte Bauminister Ramsauer war wegen eines Ausschusstermins im Bundestag verhindert.

In der Pressekonferenz verwies Ministerin Schavan darauf, dass die ursprünglich auf einzelne Wissenschaftsdisziplinen ausgerichteten Wissenschaftsjahre seit drei Jahren großen Querschnittsthemen gewidmet seien: nach Energie und Gesundheit diesmal die Umwelt, resp Nachhaltige Entwicklung. Damit solle auch bewusst auf den Erdgipfel vor 20 Jahren in Rio rekurriert werden, auf dem die Formel der Nachhaltigen Entwicklung geprägt wurde. Das BMBF fördere heute zu diesem Thema rund 500 Projekte in 62 Ländern. Vor allem die Entwicklung der Städte und ihre nachhaltige Steuerung sei für die Zukunft der Erde von großer Bedeutung.

Erfolgreich sei für sie das Wissenschaftsjahr dann, so Schavan, wenn es gelinge, eine breite Öffentlichkeit anzusprechen, und hier besonders die jüngere Generation. In dieser Hinsicht sei sie mit den zurückliegenden Wissenschaftsjahren zufrieden, weil es vor dem Hintergrund von zu wenig MINT-Studenten gelungen sei, das Interesse an diesen Fächern, gemessen an der Zahl der Studienanfänger, um zweistellige Prozentbeträge zu steigern. Auch der Frauenanteil habe sich erhöht. Dies seien wichtige Effekte der Wissenschaftsjahre.

Auf die Frage von Lemmens Online in der Pressekonferenz, wie sie jüngsten Vorschläge des BUND zur Verstärkung der Nachhaltigkeitsforschung und ökosystemarer Ansätze bewerte, sagte Ministerin Schavan, sie nehme diese positiv auf und stimme mit ihnen im Großen und Ganzen überein. Als Beleg ging sie auf die Neuausrichtung der Hightech-Strategie der Bundesregierung ein, die ihre Aktionsfelder auf fünf große Zukunftsthemen ausgerichtet habe, in denen es nicht nur um technische Entwicklung, sondern zugleich um systemare Ansätze gehe. Ein Beispiel sei die Energiesystemforschung. „Ich werde das Gespräch mit dem BUND suchen“, sagte die Ministerin.

Sie selbst habe – vor dem Hintergrund ihrer fachlichen Herkunft als Geisteswissenschaftlerin – immer dafür geworben auch die sozialen und nicht-technischen Disziplinen in die Lösungskonzepte einzubinden. Als Beispiel führte sie den Körperscanner an, das zeige, wohin es führe, wenn eine Entwicklung nur den Technikern überlassen werde, ohne in diesem Fall psychologische Aspekte einzubeziehen, wie sich die Menschen gegenüber einer sie so entblösenden Untersuchungstechnik verhalten, nämlich ablehnend.

Dann erwähnte die Forschungsministerin die Zahl, wonach ihr Haus in den nächsten Jahren zwei bis drei Milliarden Euro für die Transformationsforschung ausgeben werde. (Diese Zahl wird LO recherchieren).

Umweltminister Röttgen lobte den ressortübergreifenden Ansatz des neuen Wissenschaftsjahres. Den Handlungsdruck illustrierte er mit dem Hinweis auf den sog Earth Overshoot-Day, bei dem Wissenschaftler den Tag im Jahrensverlauf berechnen, an dem die Menschheit  ihre nachwachsenden Ressourcen  verbraucht hat und dazu übergeht, die nicht erneuerungsfähigen Grundlagen auszubeuten. Der erste Überschuß-Tag fiel 1987 auf den 19. Dezember. Im letzten Jahr war es der 27. September. Das bedeutet, die Menschheit lebt stärker den je von der Substanz des Planeten und zehrt sie auf. Umso wichtiger sei es, so der Umweltminister, Ansätze zur Transformation, zur Umsteuerung auf geringere Naturverbräuche zu finden.  Die Städte seien dafür ein wichtiger Hebel. Röttgen schilderte das Beispiel eines Stadtquartiers in Erlangen, das er vor wenigen Tagen besucht hatte. Dort ist auf einer früheren Militärfläche ein energieeffizienter und naturnaher Wohnkomplex für 5000 Menschen entstanden. Seit der Energiewende hätten sich in Deutschland Hunderte von Energiegenossenschaften gegründet, die in eigener Regie ihre Energie produzierten. Er wünsche sich in wachsender Zahl solche „Labore in der Stadt".

Zur Energiewende sagte Röttgen, der Prozess sei in Fahrt. International herrsche größtes Interesse an dem Weg, den Deutschland gehe, habe er auf  der Weltklimakonferenz erfahren. Die Erneuerbaren Energien lägen mit einem Anteil von 20 Prozent an der Stromproduktion jetzt vor der Atomkraft. Die gegenwärtige Kältephase in Deutschland und Europa stellt nach Worten des Umweltministers den „ersten Härtetest für die Energiewende“ dar. Und sogar in dieser Lage exportiere Deutschland Strom in die Nachbarländer, betonte Röttgen. Auch an der Strombörse seien die Preise stabil und gingen nicht nach oben.

Angesprochen auf die verfahrene Lage bei der energetischen Gebäudesanierung, wo sich Bund und Länder gegenseitig blockieren, bemerkte  Röttgen, dass es sich bei dem Hebel um ein Steuergesetz  handele, bei dem der Bund auf die Zustimmung der Länder angewiesen sei. Die Länder wollten dem aber nur zustimmen, wenn sie dafür nicht zu zahlen bräuchten. Weil es aber so nicht weitergehen könne, werde nun auch von Seiten der Kommunen und der Umweltverbände „Druck gemacht“.

Jürgen Nimptsch, Oberbürgermeister von Bonn und Vertreter des Deutschen Städtetages, brachte den Aspekt ein, dass es sich bei den Städten nicht nur um eine ökologische Hardware-Aufgabe handele. Vielmehr verfügten die Städte  durch die in ihnen lebenden Menschen gleichzeitig über den zentralen Lösungspool für diese baulichen und  technischen Umweltprobleme, nämlich die Kreativität und das Engagement der Bürger. Nimptsch kam damit auf Partizipationsverfahren zu sprechen und verdeutlichte diese am beispiel seiner Stadt Bonn, wo 15.000 Menschen im Beteiligungsverfahren für den städtischen Haushalt 1000 Vorschläge eingereicht hätten, darunter auch welche zum sparsamen Umgang mit Energie (Heizkörper in den Fluren öffentlicher Gebäude herunterfahren).

In den Kommunen, die der Deutsche Städtebund vertrete, lebten 51 Mio Menschen. Ihren Ideenreichtum und Einsatzbereitschaft gelte es besser als bisher zu nutzen, nicht nur für eine bessere Umwelt, sondern auch für das Ziel einer sozialen Stadt.

Auf die Frage von Lemmens Online an Fraunhofer-Präsident Bullinger zu den internationalen Forschungsanstrengungen im Bereich der Urban Technologies, antwortete er mit dem Hinweis auf ein Pilotprojekt, das es bereits in China gebe. Das Thema werde aber von wachsender Bedeutung, da im Jahre 2030 zwei Drittel der Menschheit in Städten leben werde. Viele Entwicklungen der Forscher seien nach der Experimentalphase jetzt „ready to go“. Das beziehe sich nicht nur auf Einzelaspekte  wie neue Baustoffe, sondern auch auf Systemkonzepte wie das Stromverteilnetz der Zukunft, das sich anders als früher vermehrt aus dezentralen Quellen speise. Diese komplexen Aufgaben stellten auch das Wissenschaftssystem vor neue Herausforderungen, die sich in Veränderungen der Organisation von Forschung niederschlagen müssten, erklärte Bullinger. Ein Ansatz sei die Bündelung und Koordination der Urban Technologie-Entwicklungen durch die Forschungsunion im Verbund „Morgenstadt“.

Das Wissenschaftsjahr 2012 wird vom BMBF mit sechs Millionen Euro gefördert. Hinzu kommen weitere 3,5 Mio Euro für den Wettbewerb  „ZukunftswerkStadt“.

Manfred Ronzheimer

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Weitere Informationen und Bilder finden Sie unter: www.zukunftsprojekt-erde.de