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Die dritte industrielle Revolution

13.10.2011

Ein optimistischer Zukunftsfahrplan von Jeremy Rifkin

Wie oft ist dem Industriezeitalter schon das Totenglöcklein geläutet worden! Auch der US-amerikanische Ökononom und Zukunftsexperte Jeremy Rifkin bildet da keine Ausnahme, wenngleich er in seinem neuesten Buch mit einer neuen Volte überrascht. Statt Abgesang steht der Industrialismus Rifkin zufolge genau umgekehrt vor seinem größten Erfolg: der „dritten industriellen Revolution“, die bereits begonnen hat und bis Mitte des 21. Jahrhunderts die Wirtschaftsentwicklung des Planeten prägen und - wenn es klappt - auch dessen Ökologie retten wird.

Energie plus großtechnische Infrastrukturen für Kommunikation und Verkehr stellen für Rifkin die „Genetik“ aller drei industriellen Revolutionen dar. Was im 19. Jahrhundert mit Kohle und Eisenbahn begann, setzte sich im 20. Jahrhundert mit Erdöl und Automobil fort. Doch die fossile Energietechnik mit ihren Treibhausgas-Emissionen führte die Erde in einen globalen Klimawandel mit ungewissem Ausgang. Dessen Beherrschung wird daher nicht nur die zentrale Aufgabe der dritten industriellen Revolution sein, sondern auch deren neue Wirtschaftschancen. Die Energie der neuen Industrie-Revolution wird aus erneuerbaren Quellen gespeist, vor allem Sonne und Wind. Dezentral produziert, wird die Energie der Zukunft gleichfalls über dezentrale Netze verteilt. Das Internet bildet den kommunikationstechnischen Zwilling, das zweite Super-Netz der grünen Industrie-Ära.

Rifkins Fahrplan in eine bessere Öko-Zukunft stellt fünf technische Aktionsfelder in den Vordergrund. Neben dem Umstieg auf Erneuerbare Energien setzt er auf Effizienzmaßnahmen im Gebäudebereich mit besonderem Akzent auf häusliche Mikrokraftwerke. Neue Speichertechniken zur Sammlung der nur unregelmäßig vorhandenen Naturenergien Wind und Sonne sind ebenso nötig wie die Verknüpfung der Stromnetze mit dem Internet (Intergrid). Fünfte Säule ist die Umstellung des Autoverkehrs auf Elektrofahrzeuge. Der Aufbau dieser fünfsäuligen Wirtschaftsstruktur „wird zunächst Hunderttausende neuer Unternehmen und Hunderte Millionen neuer Arbeitsplätze schaffen“, hält er Autor für möglich. In den Jahren 2040 bis 2050 werde diese Infrastruktur auf den meisten Kontinenten umgesetzt sein und „die industrielle Arbeiterschaft sich auf ihrem Höchststand eingependelt haben“. Danach erfolge der Übergang von der industriellen zur „kollaborativen“ Wirtschaftsweise, die nur in vagen Umrissen erkennbar ist.

Um diese Vision auch der breiten Bevölkerung nahezubringen, empfiehlt Rifkin, der dritten industriellen Revolution ein „neues Narrativ“ zu geben, eine große Geschichte, die Wirtschafts-Saga des neuen Jahrhunderts, die Jung und Alt in die neue Zeit mitreißen soll. Der US-Ökonom ist selbst ein begnadeter Kommunikator, der in den letzten Jahrzehnten mit seinem visionären Talent viele Wirtschaftslenker in Amerika und Europa in den Bann gezogen hat. Dieser narrative Imperativ ist aber zugleich auch die Schwäche des Buchs, weil der Autor sich zu sehr darin gefällt, seine vielfältigen Consulting-Projekte – bis hin zur Beratung der deutschen Bundeskanzlerin – in gefälliger Lesart darzustellen. Konkrete Vorhaben, etwa die Ökologisierung Monacos oder das große Projekt im Auftrag der Europäischen Kommission, werden nur in Form erzählerischer Happen serviert. Zur Lehrbeispielen werden sie nicht verdichtet. Das große analytische Alterswerk ist Rifkins „Dritte industrielle Revolution“ nicht geworden, aber immerhin ein facettenreicher Werkstattbericht über eine Welt in tief greifendem Umbau.

Manfred Ronzheimer

 

 

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Jeremy Rifkin

Die dritte industrielle Revolution

Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter

Campus Verlag 2011

303 Seiten

24,99 Euro