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Teller schlägt Tank

03.02.2012

Der BioÖkonomieRat schwenkt um: Neubewertung der Bioenergie

Immer mehr Agrarflächen werden zum Anbau von Energiepflanzen genutzt und stehen damit der Ernährungssicherung nicht zur Verfügung. Diese kritische Entwicklung hat auch den BioökonomieRat, ein wissenschaftliches Beratungsgremium im Auftrag der Bundesregierung, zum Kurskorrektur veranlasst. Anläßlich der Grünen Woche hat der Rat  am 20. Januar seine Empfehlungen zur  energetischen Nutzung von Biomasse vorgestellt. In den Räumen der Bundespressekonferenz in Berlin wurden sie Vertretern der Bundesministerien für Bildung und Forschung (BMBF), Wirtschaft und Technologie (BMWi), Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) sowie wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) übergeben.

Der Vorsitzende des BioÖkonomieRats, Prof. Reinhard Hüttl brachte das Kernproblem der energetischen Nutzung von Biomasse auf den Punkt: die Konkurrenz zwischen Nahrung und Futter auf der einen Seite und erneuerbare Energieerzeugung auf der anderen – Tank contra Teller. Dieser Konflikt verschärft sich zur Zeit schon immer mehr, da die Weltbevölkerung weiter wächst und in manchen Teilen der Welt mit dem gewachsenen Wohlstand die Nachfrage nach Fleisch steigt, das wesentlich mehr Anbaufläche und zusätzlich Weidefläche benötigt als pflanzliche Nahrungsmittel.  Hüttl betonte,  dass der Anbau von Biomasse der weltweiten Ernährung nicht im Weg stehen dürfe. Diese habe absolute Priorität.

Der Sprecher der Arbeitsgruppe für die Stellungnahme, Prof. Fritz Vahrenholt ging auf einzelne Zahlen und die konkreten Empfehlungen des Gutachten ein. Dabei verglich er die Nutzung der Bioenergie in Deutschland heute mit den angestrebten Zahlen für 2020 und 2050. Zählt man die drei Verwendungsbereiche von Biomasse zusammen – Kraftstoff-, Wärme- und Stromgewinnung – ist eine Verdopplung bis 2020 und eine Vervierfachung des Anteils von Bioenergie am Gesamtverbrauch der Bundesrepublik bis 2050 geplant. Letzteres wird allerdings nur möglich sein, wenn neben einer Verdoppelung der absoluten Mengen Biomasse auch die geplante Halbierung des gesamten Energieverbrauchs erreicht wird. Diese ehrgeizigen Ziele zeigen sich vor dem Hintergrund der einfachen Speicherung von Bioenergie vor allem im Vergleich zur Solar- und Windenergie gerechtfertigt. „Bioenergie ist für die zukünftige Energieversorgung unverzichtbar“, resümiert der Vorsitzende Geschäftsführer der RWE Innogy GmbH, Vahrenholt.

Kritisch sieht das Papier die bestehenden Förderinstrumente für die Bioenergie. Es entstünden enorme volkswirtschaftliche Kosten, die über die Umlage des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und dadurch steigende Energiepreise die privaten Haushalte als auch die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsunternehmen belasteten. Gleichzeitig führe die Förderung dazu, dass es für den Landwirt lukrativer sei, Energie-Mais anstelle von Brot-Getreide anzubauen. Fritz Vahrenholt plädierte deshalb dafür, die Subventionierung der Bioenergie auf den Prüfstand zu stellen: „Förderinstrumente und -ziele müssen stärker aufeinander abgestimmt und wirtschaftlicher sowie bedarfsgerechter ausgestaltet werden. Da Bioenergie als grundlastfähiger und speicherbarer Energieträger als Systemstütze für die Energiewende dienen muss, sollte die bestehende Förderung stärker auf diesen Aspekt ausgerichtet werden.“

Da die hiesigen Ackerflächen nicht ausreichen, um genügend Biomasse für die Ziele zum Ausbau der Bioenergie bereit zu stellen, importiert Deutschland schon heute ca. 40 Prozent der hierzulande verarbeiteten Biomasse.

Auch im Hinblick auf die Verbesserung der schlechten Klimabilanz der Bioenergie seien laut Reinhard F. Hüttl noch erhebliche Forschungs- und Innovationsanstrengungen notwendig.

Die Problemstellung in den internationalen Kontext stellte Prof. Joachim von Braun vom Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn. Er forderte eine Bioökonomiewende, die mit Effizienz und Nachhaltigkeit die Ernährung der Weltbevölkerung sicherstelle und erinnerte an den Preisanstieg von Nahrungsmitteln zwischen 2007 und 2008, durch die Förderung von Biosprint. Strategische Partnerschaften zwischen Deutschland und biomassereichen Ländern müssten zum gegenseitigen Nutzen Teil der Außen- und Entwicklungspolitik werden.

Auch Clemens Neumann vom BMELV betonte, die Herausforderungen Energie und Hunger global „Hand in Hand anzugehen. Pflanzen und Böden sind die Schlüsselfaktoren für das 21. Jahrhundert.“ Dabei gehe es nicht nur um den Rohstoff-Import nach Deutschland, sondern auch darum, beispielsweise in Afrika das enorme Potenzial für den weiteren Anbau von Nahrung und Biomasse zu nutzen. Dort findet sich ein Anteil der Biomasse an der gesamten Energiegewinnung von 60 Prozent. Diese Bioenergie sei zwar im Prinzip regenerativ, was aber in der Praxis nicht geschehe, wie der Vertreter des BMZ, Manfred Konukiewitz berichtete. Daher, ergänzte Uwe Schroeder-Selbach vom BMWi, müssten Bioenergieimporte immer auf Versorgungssicherheit, Umweltverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit hin begutachtet werden. Forschung und Entwicklung spielen dabei laut Christoph Rövekamp vom BMBF die Rolle der Frühwarnerin, Antreiberin und Vermittlerin.

Von Braun würdigte die Zustimmung der Ministerien zur Priorisierung der weltweiten Nahrungsversorgung vor der energetischen Nutzung von Biomasse, gab aber gleichzeitig zu bedenken, dass genau dies im Moment nicht der Fall ist.

Vertreter verschiedener Verbände zweifelten die Zahlen des Rates zu Effizienz und Klimabilanz der Bioenergie an. So bleibt umstritten, wie – importierte oder hiesige – Biomasse am effizientesten genutzt werden kann: durch die Verwendung als Biogas oder Biodiesel, zur Produktion von Strom, Wärme oder Kraftstoffen? Und auch darüber, welche Kraftwerkstypen am effizientesten sind, sind sich die Experten des BÖR mit den Fachverbänden nicht einig.

Heftig kritisiert wurde die BÖR-Studie am gleichen Tag  vom Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB). „Die Herstellung von Biodiesel und Bioethanol führt nicht zu weltweiter Nahrungsmittelknappheit oder steigenden Lebensmittel- und Landpreisen. Ihre Produktion ist nachhaltig und bringt eine Minderung der Treibhausgasemissionen von mindestens 35 Prozent im Vergleich zu fossilem Kraftstoff“, sagte VDB-Geschäftsführer Elmar Baumann. „Hunger entsteht in erster Linie durch Armut, Krieg und ungerechte Verteilung. Biokraftstoffe für den Hunger verantwortlich zu machen, ist abenteuerlich“, sagte Baumann. Es gebe keinen anderen Bereich der landwirtschaftlichen Erzeugung, dessen Nachhaltigkeit so stark gesetzlich geregelt ist wie die Herstellung von Biokraftstoffen.

Der Industrieverband bemängelte, dass die Analyse der Studie nicht tiefgreifend genug sei und die tatsächliche Marktsituation verkenne. Die deutsche Biokraftstoffindustrie verwende fast ausschließlich in Deutschland und der EU angebaute Agrarrohstoffe, um daraus Biodiesel und Bioethanol zu produzieren. Nicht zuletzt durch die europäische Biokraftstoffproduktion sei es gelungen, den schädlichen Dumpingexport von EU-Überschüssen in Entwicklungsländer zu beenden. Unberücksichtigt bliebe auch der Einsatz von alternativen Rohstoffen wie Altspeisefetten, der nach dem Willen der Bundesregierung sogar besonders gefördert werden soll.

Biokraftstoffe nehmen laut VDB im Vergleich zu anderen Erneuerbaren Energien eine Sonderrolle ein. Denn sie sind derzeit die einzige in größerem Umfang vorhandene Alternative zu herkömmlichem Diesel und Benzin. Dagegen gibt es für Wärme und Elektrizität mehrere Erneuerbare Energieträger, die fossile Quellen ersetzen können. „Diese Sonderrolle erkennt der BioÖkonomieRat in seiner Studie nicht. Er lässt damit eine der wesentlichen Vorteile von Biodiesel und Bioethanol außer Acht“, sagte Baumann.

Gerhard Wolff, Manfred Ronzheimer

*

Empfehlungen des BioÖkonomieRats Nr. 03: Nachhaltige Nutzung von Bioenergie  (36 S.)

>> (PDF, 783 KB)

http://www.biooekonomierat.de/files/downloads/120120/BioOEkonmieRat
-Empfehlungen-Bioenergie.pdf

Auszug aus den Empfehlungen:

Empfehlung 1 – Ernährung sichern

Empfehlung 2 – Strategie zur nachhaltigen Flächennutzung in Deutschland erarbeiten

Empfehlung 3 – Nachhaltige Erzeugung und Nutzung von Biomasse umsetzen, auch international

Empfehlung 4 – Gemeinsame Konzepte für die Nutzung von Nicht-Nahrungsmittelbiomasse entwickeln

Empfehlung 5 – Förderinstrumente bedarfsgerecht ausgestalten

Empfehlung 6 – Forschung und Entwicklung stärker mit wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen verzahnen

Empfehlung 7 – Kommunikation verstärken und als wesentliche Aufgabe etablieren

Die Umstellung einer Industriegesellschaft auf eine Energieversorgung mit zunehmendem Anteil an erneuerbaren Energien ist eine große Herausforderung. Alle relevanten Optionen sollten geprüft werden. In Anbetracht der knappen Ressourcen ist es erforderlich, nicht alle Optionen gleichermaßen zu fördern, sondern sich auf die besonders effizienten und nach­haltigen zu konzentrieren. Eine ehrliche und faktenbasierte Debatte über vorhandene Po­tenziale, Optionen und mögliche Nutzungspfade stellt dabei den Kern zukünftiger Lösungen dar. Grundlage müssen dabei Kriterien wie CO2-Vermeidung, Systemrelevanz und Kostenef­fizienz sein. Erst wenn klar wird, ob und inwieweit die Nutzung von Bioenergie hinsichtlich dieser Kriterien insgesamt oder im Falle der Systemrelevanz besonders wichtig ist, kann eine Akzeptanzsteigerung gelingen.

Diese Akzeptanz wird sich aber nur einstellen, wenn diese Fragen inhaltlich geklärt und Kommunikation als zentraler Teil der Energiewende verstanden wird. Teil der Kommunika­tion muss die Darstellung der Gesamtzusammenhänge werden. Derzeit werden vielfach nur einzelne Auswirkungen schlaglichtartig thematisiert. Politik und Stakeholder können mit der beschlossenen Energiewende die Möglichkeiten des systemtechnischen Beitrags der Bi­oenergie darstellen und somit für einen neuen Ansatz in der Akzeptanzdiskussion sorgen.

Somit ist es erforderlich, dass die öffentliche Kommunikation nicht nur Zielsetzungen und Einzelpotenziale kommuniziert, sondern auch den Gesamtzusammenhang und Wechselwir­kungen zwischen einzelnen Bereichen darstellt. Dies sollte anhand möglichst transparenter und nachvollziehbarer Kriterien erfolgen. Politik hat bei der Energiewende nicht nur eine Führungsaufgabe hinsichtlich der Zielsetzung, sondern auch die Aufgabe, den Weg dorthin zu kommunizieren. Sie muss sich dabei vor allem belegbarer und über die gesamte Wert­schöpfungskette gültiger Kriterien und Daten bedienen bzw. diese zunächst organisieren.

Bei zentralen Aufgabenfeldern, wie z. B. der Energieversorgung, gilt es zudem, stärker als bis­lang ressortübergreifend zu agieren und die Synergien für die verschiedenen Politikfelder darzulegen.