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Widersprüche des Nachhaltigen Wirtschaftens

17.02.2012

Der Umweltökonom Uwe Schneidewind über Umwege zur Kreislaufwirtschaft

Dass die herrschende Wirtschaftsweise mit ihrer Plünderung der natürlichen Ressourcen keine Zukunft hat, ist inzwischen eine weit verbreitete Sicht. Roadmaps für eine „nachhaltige Wirtschaft“ werden  bereits von Politik und Unternehmen diskutiert. Aber auch diese Ansätze für eine „Green Economy“ und Kreislaufökonomie sollten mit Bedacht in Angriff genommen werden,  weil sich trotz gut gemeinter Absichten ungewollte und natur-belastende Nebeneffekte einschleichen können. Diese „Möglichkeiten und Grenzen für nachhaltiges Wirtschaften“ stellte der Wuppertaler Umwelt-Ökonom  Uwe Schneidewind in den Mittelpunkt seines Vortrages am 14. Februar in der Berliner Urania. Die Veranstaltung fand im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltungsreihe mit der Friedrich-Ebert Gesellschaft „Wege in eine ökologische und gerechte Gesellschaft“, in der seit dem September 2011 prominente Referenten  zu Umweltthemen sprechen.

Schneidewind  ist  seit 2010 Präsident und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie GmbH. Er gehört auch der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität an und ist seit jüngstem auch Mitglied im Club of Rome. Er freute sich, zum ersten Mal in der Urania sprechen zu können, eine Institution mit „einer besonderen Aura“, wie er feststellte, die seit „über einem Jahrhundert die Diskussionskultur dieser Stadt prägt“. Eine Woche zuvor hatte der Wissenschaftler in  Berlin auf einer Veranstaltung in der NRW-Landesvertretung die Initiative „Transformatives Wissen schaffen“ vorgestellt, mit der Ansätze zur Nachhaltigkeitsforschung gestärkt werden sollen.

Schneidewind ging eingangs auf seine ersten Erfahrungen mit der Enquete-Kommission ein ein. Nachhaltiges Wirtschaften und Urban Technologies (Umwelttechniken für die Städte) klängen zwar als visionäre Schlüsselbegriffe verheißungsvoll. Dennoch gebe es in der breiten gesellschaftlichen Debatte darüber viele mit einem „flauen Gefühl im Bauch“. Kann das immer so weiter gehen? Mit Umwelttechnik seien durchaus Erfolge möglich. Willy Brandts Worte von 1961, die den „blauen Himmel über der Ruhr“ einforderten, seien heute realität geworden. Dennoch gebe es Zweifel, ob diese Linearität der wirtschaftlichen Entwicklung immer so weiter gehen könne. Dies habe dann auch zur Bildung der Enquete-Kommission geführt. Bemerkenswert sei, dass sie mit den Stimmen aller Fraktionen eingerichtet wurde und nicht pro oder contra Regierung. De facto sei es so, dass Trennungslinien (wachstumsskeptisch, wachstumsgläubig) nicht zwischen den Parlamentsfraktionen, sondern quer durch diese verliefen. Sogar bei den Grünen: eine Gruppe sei sehr technologie-optimistisch und wolle eine „Hypermoderne“, während der andere Flügel neue Lebensstile in den Mittelpunkt stelle, um neun Milliarden Menschen auf der Erde versorgen zu können. Für die SPD sei der Wachstumsbegriff traditionell stark mit dem Punkten Verteilung und Gerechtigkeit verbunden.

Ziel seines Vortrages, so Schneidewind sei es, auf einige Widersprüche im Diskurs über eine bessere Balance zwischen Ökologie und Ökonomie hinzuweisen. Dazu ging er auf vier Einzelaspekte vertiefend ein:  Die „Meadows-Falle“, den Rebound-Effekt, das Verhältnis von Unternehmen, Staat und Innovation sowie Nachhaltige Lebensstile (Sustainable Lifestyles).

Dennis Meadows, der zusammen mit seiner Frau 1972 den Bestseller „Die Grenzen des Wachstums“ schrieb, war selbst als Experte in der Enquete-Kommission und hielt dort einen eindrucksvollen Vortrag (der auch nachträglich noch im Bundestags-Video angeschaut werden kann). Dort sprach Meadows von seiner großen Enttäuschung über die geringen Effekte, die seine Studie gehabt habe. Deren zentrale Botschaft war: Es gibt kein unbegrenztes Wachstum. Belegt wurde dies mit der Berechnung der Verfügbarkeit von einzelnen Rohstoffen. Schneidewind: „Das war aber fatal“. Denn hier funktionierte in den Jahren danach die Ökonomie nur bedingt so, wie sie eigentlich soll: bei Verknappung steigen die Preise und der Verbrauch  geht zurück. Doch es wurden neue Lagern exploriert und  andere Rohstoffe als Ersatz herangezogen. Kurzum: die von Meadows vorhergesagte Verknappung der Rohstoffe, allen voran beim Erdöl, fand nicht statt, jedenfalls nicht in den berechneten Zeiträumen.

Meadows Fehler: er hatte nur einen einzigen Indikator, die Rohstoffe, für das Wachstumslimit herangezogen. Es hätten aber weitaus mehr sein mehr müssen. Diese Erweiterung nahm 2009 eine Gruppe von 30 führenden Umweltwissenschaftlern um den Forscher Rockström vor, die „planetare Grenzen“ in mehreren Bereichen ermittelten: sog. Tipping Points, Belastungsgrenzen. Dazu zählen der Biodiversitätsverlust, der Nitratkreislauf und der Klimawandel (CO2). In diesen drei Bereichen ist am dringendsten Handlung geboten. Das neue Belastungs-Schema macht zugleich deutlich, dass allein mit technischen Maßnahmen keine Lösung erreicht werden kann. Wenn immer neue Öl-Gewinnungstechniken gefunden werden, bis hin zur Extraktion aus Teersanden oder die Förderung aus dem Polarmeer, mache dies deutlich, dass Ökologie und Ökonomie eben doch nicht quasi automatisch zusammenkommen und sich in einen ökologisch vertretbaren Preis einschwingen. Nein, so Schneidewind, „die Preissignale geben nicht die richtige Richtung vor“. Nötig sei, von anderer Seite, die „planetaren Grenzen“, die Grenzen für das Wachstum festzulegen.

Der Rebound-Effekt ist sozusagen der ökologische Schuß ins Knie: gut gemeint, aber das Gegenteil erreicht. Beispiele sind Energiespar-Lampen, die weniger verbrauchen, die man dafür aber länger brennen lässt. Oder das sparsame Öko-Auto, mit dem man dann guten Gewissens gerne mehr Fahrten als bisher macht. Rebound ist der Spar-Erfolg, der letztlich Mehr-Verbrauch verursacht.  Noch tückischer ist der indirekte Rebound, der quasi um die Ecke kommt: man schafft das Auto komplett ab und steigt in der Ernährung auf regionale Produkte um, kann sich dann mit dem gesparten Geld schöne Urlaubs-Fernreisen oder überdimensionierte Wohnungen leisten.

Die Experten nennen das „Backfire“,  die Effizienz  feuert an anderer Stelle unerwartet zurück. Toll, dass die verbesserten Flugzeugturbinen jetzt weniger Sprit verbrauchen. Aber das macht die Billig-Fluglinien möglich und ein neuer Massen-Flugverkehr wird generiert. Die Lösung von Ernst Ulrich von Weizsäcker für dieses Problem lautet: Energiesteuern nicht an den Verbrauch, sondern an den  Effizienzgrad koppeln.

Manfred Ronzheimer

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Zur Person Schneidewind

http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/gremien/enquete/wachstum/biografien/schneidewind.html

Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH

www.wupperinst.org/

Die Enquete Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität

http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/gremien/enquete/wachstum/index.jsp

Video: Dennis Meadows plädiert für einen Kurswechsel

http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2011/36131899_kw42_pa_wachstumsenquete/index.html

Ankündigung des Urania-Vortrags am 14.2.12

http://www.urania.de/programm/2012/j725/