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Das gute Leben der Menschen und ihre Umwelt

10.03.2012

Ökologische Wirtschaftsforscher diskutierten die Rolle von Transformations-Pionieren

Die Bewältigung der ökologischen Probleme ist nur mit den Menschen möglich. Auf ihrer Jahrestagung in dieser Woche in Berlin stellten das Institut und die Vereinigung für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW, VÖW) nicht erneut wissenschaftliche Analysen  und technische Lösungen zur Bewältigung und Vermeidung von Umweltkatastrophen vor, sondern die Aktionsmuster einzelner Transformations-Pioniere und diskutierte deren Verallgemeinerbarkeit. „Was bewegt? – Von sozial-ökologischen Experimenten in den Alltag“ lautete das Thema der zweitägigen Veranstaltung:  Was bewegt das Individuum zu ökologischem Engagement, und wie kann aus solchem Impuls auch eine ganze Gesellschaft zu Veränderung bewegt werden.

Als wichtigen  Ratschlag hatte der führende Umwelthistoriker Deutschlands, Joachim Radkau, den Teilnehmern empfohlen, sich beim Öko-Engagement nicht zu monothematisch und zu abgehoben aufzustellen. Der globale Weltrettungsansatz der Klimaaktivisten ist ja richtig. Aber entscheidend sei es, „Fernziele mit aktuellen Bezügen zu untermauern“, gab Radkau zu bedenken. Der  ethische Imperativ,  das Erdklima für die nachkommenden Generationen zu schützen, entfallte nur begrenzte Handlungsmotivation. Mehr Menschen und diese auch intensiver erreiche man, wenn man aktuelle Entwicklungen aus ihrem Lebensumfeld aufgreife, etwa gemeinsame Mobilität oder Urban Gardening. Selbst der Regenwald-Kämpfer Chico Mendes habe sein Engagement für den Amazonas-Urwald  mit den Worten begründet: „Ich will nicht das Weltklima retten, sondern etwas für meine Freunde tun“. Derartige konkrete wie auch interdisziplinär agierende  Ansätze böten die größte Chance für Veränderung, sagte Radkau vor dem Hintergrund seines umwelthistorischen Wissens. Nicht allein die Umweltkrise mit ihrem überbordenden Ressourcenverbrauch und  steigenden Treibhausgasemissionen halte Menschen und Staaten in Bann. Weitere Krisen wie die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich oder die labile Finanzmärkten und Staatsverschuldung verlangten gleichfalls nach Lösungen. Die Schicksalsfrage der Umweltpolitik liege darin, so Radkau, eine Verbindung zwischen Strategien gegen die vielfältigen gegenwärtigen Krisen zu finden.

In der sich anschließenden Diskussion Radkaus mit dem Präsidenten des Wuppertal-Instituts, Prof. Uwe Schneidewind, wurde unter anderem die Frage nach der Bedeutung von „Narrativen“ angeschnitten. In der Befassung mit der Umwelt und ihrer Bedeutung für den Menschen  sowie vice versa  komme dem „Zählen und Erzählen“ gleiche Bedeutung zu, meinte Schneidewind.  Die Erzähler der großen Geschichten haben immer auch ein  Stück der Legitimationsgrundlage geschaffen, auf der die „Macher“ dann praktisch handeln konnten, etwa durch Erlass von neuen Umwelt-Gesetzen.

Dem stimmte Radkau insofern zu, als das Narrativ einer großen Verheißung oder Mission die Akteure durchaus zum Handeln motivieren könne. Auch deshalb habe er sein jüngstes Buch (Die Ära der Ökologie) stark erzählerisch angelegt, indem er die agierenden Personen der internationalen Umweltbewegung in den Vordergrund gestellt habe, und nicht die anonymen institutionellen Strukturen. Radkau gab aber zu Bedenken, dass auch die „definitive Geschichte der Umweltbewegung noch offen“ sei. Es könne eine Erfolgsgeschichte werden, aber auch eine Tragödie oder eine Tragikomödie. Der Historiker treffe sehr häufig die Variante 3 an. Auch die Kernenergie – über deren Aufstieg und Krise in Deutschland sich Radkau habilitiert hatte – sei in ihren Anfangsjahren eine solche „Heldengeschichte“ gewesen. Mit großem menschheitsbeglückendem Ethos seien damals die Physiker und Ingenieure daran gegangen, Schwerter zur Pflugscharen zu schmieden, die Energie der furchtbaren Atombombe auf zivile und friedliche Zwecke umzulenken. Und wie liest sich diese Geschichte heute?

In seiner Einführung zur Eröffnung der Tagung verwies  Ulrich Petschow vom IÖW darauf, dass der Diskurs über Wege zur Nachhaltigkeit zwischen zwei Extrempositionen oszilliere: der Drohung mit einer Apokalypse und der Verheißung eines glücklichen Lebens.  Ein Spannungsbogen, der übrigen wie gemünzt war auf den Ort der Veranstaltung: die zum ökologischen Tagungszentrum umgebaute evangelische Auferstehungskirche im Bezirk Friedrichshain.

Die Konferenz wolle, so Petschow, den  Fokus auf die Betrachtung von  „bottom-up“-Prozessen legen: Veränderungen, die zunächst „unten“, bei den Menschen, ablaufen, und dann aber auch den gesellschaftlichen Überbau beeinflussen zu können.  Dabei sollten zwar auch die unterschiedlichen „Governance“-Ebenen mitbetrachtet werden, wie etwa die internationale Klimapolitik, die weiterhin ein wichtiges Thema bleibe. Doch solle bei dieser Tagung im Vordergrund stehen, „was die Menschen in ihrem Alltag bewegt und was sie in Kooperation mit anderen bewegen können“. Konkret untersucht wurde das auf drei „Handlungsebenen“: Nachhaltigen Lebensformen in Kommunen, der Transformation des Energiesystems sowie nachhaltiger Produktionsweisen in Unternehmen plus Konsumtion der Verbraucher.  Schließlich stelle sich auch die Frage, wie sich  derartige „Realexperimente zum guten Leben“ verallgemeinern lassen und möglicherweise zu gesellschaftlich wirksamen Initiativen werden können.

Über die Prinzipien des „guten Leben“ hätten schon die griechischen Philosophen nachgedacht. Ihnen  schwebte kein angenehmes und bequemes Leben vor oder das Management des Tagesaufgaben. Sondern im Mittelpunkt stand die Frage: Wie führe ich ein glückliches oder erfülltes Leben? In gleicher Weise ziele die aktuelle Diskussion über das  „buen vivir“ beim Weltsozialforum in Bolivien und Ecuador auf „die  Zufriedenheit aller Mitglieder der Gemeinschaft und nicht auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen“. Ebenso argumentiert Pfriem dafür, „das ökologische Problem als Frage nach dem guten Leben zu bearbeiten“.

Anschließend folgte die Konkretisierung an drei Beispielen von Initiativen in Städte. Städte deshalb, weil in ihren sowohl soziale als auch ökologische Probleme auftreten. Aber die Orte der Probleme sind zugleich Stätten der Innovation, wo Menschen ihre Visionen für die Stadt der Zukunft in die Praxis umsetzen.

Von Bedeutung ist dabei der Pionier- und Experimental-Charakter. Pioniere, so hieß es auf der Tagung, „warten nicht auf bessere Rahmenbedingungen. Sie wagen Experimente, sind Treiber für soziale Innovationen.“

Klaus Illigmann vom Referat für Stadtplanung und Bauordnung in München stellte das Projekt der „Morgenstadt München“ vor. Teil eines integrierten Handlungsprogramms für den Klimaschutz ist es unter anderem, die Stadtwerke München so auf die Erneuerbaren Energien umzustellen, dass bis 2025 der gesamte Strombedarf der Bayern-Metropole aus „grünem“ Strom gedeckt werden kann.

Gerd Wessling, Mitbegründer von Transition Town Bielefeld (www.ttbielefeld.de) stellte die neue urbane Öko-Bewegung der Transition Towns vor, der inzwischen 1600 Initiativen in 38 Ländern angehören, rund 75 im deutschsprachigen Raum. Die Anhänger der Bewegung versuchen, sowohl eine klimaverträgliche Lebensweise mit weniger CO2 und Abfall in ihrem städtischen Lebensumfeld zu realisieren, dies aber nicht isoliert, sondern in sozialer Vernetzung mit anderen im jeweiligen Quartier. „Post-oil City“ nennt sich dieser Weg zur Stadt von morgen.

www.transition-initiativen.de

www.transitionnetwork.org

Gabi Bott vom Ökodorf Sieben Linden präsentierte unter dem Motto „Einheit in der Vielfalt“ das ganzheitliche Projekt der Gemeinschaft im Norden Sachsen-Anhalts vor, in der gegenwärtig 140 Menschen zusammen leben. Seit 1997 verwirklichen sie ein zukunftsfähiges Gemeinschaftsprojekt in den Bereichen Ökologie, Soziales und Ökonomie. Im Ökodorf Sieben Linden ist gelebte Nachhaltigkeit in Bezug auf Lebensmittel, Baustoffe wie auch im sozialen Miteinander von zentraler Bedeutung. Bei der Suche nach einem erdverträglichen Lebensstil, so Bott, „geht es weniger um Verzicht, sondern um einen Bewusstseinswandel, der uns wieder mehr die Verbindung mit uns selbst sowie mit unserer Mitwelt spüren lässt“.

www.siebenlinden.de

www.anders-besser-leben.de

In zwei Workshop-Runden stand dann der konkrete Austausch der Teilnehmer im Mittelpunkt. Eine Staffel behandelte „Entwürfe nachhaltiger Lebensweisen“: dazu gehörten  „Energetische Träume, das Nachhaltige Produzieren und Konsumieren  2.0 sowie neue Geschäftsmodelle („Unternehmen auf neuen Pfaden“).  Die zweite Workshop-Session widmete sich dem „Lernen von Pionieren“: bei der Transformation des Energiesystems oder  von Produktions- und Konsumstilen bis hin zum  Wandel des unternehmerischen Selbstverständnisses.

In der Abschlussdiskussion wurde dann versucht,  die Diskurs-Fäden unter der Leitfrage „Was bewegt die Gesellschaft? – Rahmenbedingungen und Strategien für nachhaltige Transformationen“ zu einem Handlungsstrang zusammen zu binden. Gibt es Strategien, damit mehr experimentiert wird und daraus sozial-ökologische Transformationen entstehen? Was kann die Politik, was können Unternehmen und Wissenschaft beitragen? Darauf antworteten Kerstin Andreae, MdB, Bündnis 90/Die Grünen, Dr. Kora Kristof vom Umweltbundesamt in Dessau, Prof. Dr. Reinhard Pfriem von der Universität Oldenburg, Dr. Günther Reifer vom Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie in Brixen, Südtirol, und Thomas Korbun, IÖW-Geschäftsführer.

www.ioew.de

www.voew.de

www.was-bewegt.org

Manfred Ronzheimer

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