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Wandel der Wissenschafts- kommunikation (2)

27.01.2012

Das Wissenschaftssystem: Vom Marktplatz zurück in den Elfenbeinturm

Wird der Wissenschaftsjournalismus noch gebraucht? Die organisierte Wissenschaft ist so unzufrieden mit ihm gewesen, bzw. mit seinen massenmedialen Beschränktheiten, dass sie seit Ende der 90er Jahre tatkräftig ihre eigenen Strukturen zur Kommunikation in die Gesellschaft aufgebaut hat.

Am bekanntesten ist (a) die PUSH-Initiative, angestoßen vom Stifterverband, die in die Organisationsplattform Wissenschaft im Dialog mündete, eine Gemeinschafts-Veranstaltung der deutschen Wissenschaftsorganisationen. Ziel ist es, dem nicht-wissenschaftlichen Durchschnittsbürger die Themen der Forschung quasi barrierefrei anzutragen. An „seinen“ Orten, dem Marktplatz, dem Bahnhof, dem Einkaufszentrum, wird ihm Forschung zum Anfassen und zum Mitmachen präsentiert. In unterschiedlichen Formaten, wie Langen Nächten, wird der Hands-on-Ansatz variiert und zielgruppenmäßig verfeinert, wie in der Kinder-Uni-Welle und den Schüler-Laboren. Hier wurde innerhalb eines Jahrzehnts eine beachtliche Event-Struktur aufgebaut (Wissenschaftssommer, Forschungsschiffe), die durch separate ministerielle Aktivitäten (Jahr der Wissenschaften) flankiert wird. Ein Höhepunkt dieser Eventisierung von Wissenschaft war der Forschungs-Zug, der nach einem Jahr Benutzung seitdem auf einem Abstellgleis im Berliner Grunewald steht.

Im Bereich der klassischen Publikationsmedien – nicht den Tageszeitungen, aber den Wissenschaftsmagazinen – wurde (b) ein Format entwickelt, das den wissenschaftlichen Fachjournalismus in die Hallen der etablierten Wissensorganisationen zog. Wer früher an fundierter Darstellung wissenschaftlicher Sachverhalte interessiert war, musste im Magazin-Bereich zu Bild der Wissenschaft oder Spektrum der Wissenschaft greifen, also Monats-Publikationen unabhängiger Verlage. Heute stehen Artikel von gleicher Qualität (und häufig auch von Journalisten verfasst) in den Magazinen zur Verfügung, die von den Wissenschaftsorganisationen herausgebracht und im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit („Bringschuld der Wissenschaft“) kostenlos an die Allgemeinheit abgegeben werden.

Das Internet wurde zudem (c ) als eigener Kommunikationskanal aufgebaut, um bestimmte Zielgruppen (Wirtschaft, Politik, Studenten und wiss. Nachwuchs, Normalbürger, Kinder und Jugendliche) besser erreichen zu können. Diese Schiene wurde sukzessive erweitert und wird gegenwärtig um Elemente des Web 2.0 ergänzt, zum Beispiel Video-Formate. In den  Wissenschaftsorganisationen hat sich das Internet binnen eines Jahrzehnts als der Hauptkanal etabliert, um die nicht-wissenschaftliche Bevölkerung zu erreichen.

Ein Sondereffekt im Kommunikationswandel betrifft vor allem die Zeitungen. Da sich die Finanzierungslage für die Wissenschaftsorganisationen durch Pauschalsteigerungen der staatlichen  Etats in den letzten Jahren erheblich gebessert hat, und ein öffentliches Werben bei der politischen Klasse um Förderung entfallen kann, werden die Zeitungen als Übermittler der Botschaft nicht mehr benötigt. Die Zahl der förmlichen Pressekonferenzen, vor allem zu den Jahreshauptveranstaltungen, in denen Rechenschaft über die Entwicklung der Einrichtung angelegt wird, wird immer weniger. Journalisten werden nicht weggeschickt, das nicht. Aber das Institut der Jahres-Pressekonferenz stirbt ab. Wenn Rechtfertigungen vonnöten sind und kritischer Diskurs stattfinden muss, dann läuft er auf den jeweiligen Fachebenen und in den Communities ab, etwa in den Ausschüssen der Forschungspolitik oder – wie im Fall Guttenplag – innerhalb der Web-Community, an deren Recherche-Ergebnisse (dank neuer IT-Tools) sich die klassische Presse turbo-verstärkend gerne anhängte.

Vor diesem Hintergrund vollzieht sich eine schleichende Rückkehr der Wissenschaft in den Elfenbeinturm. Der Marktplatz der Öffentlichkeit wird heute in erster Linie aufgesucht, um die Allgemeinheit mit Phäno-Shows zu bezaubern. Die Stände, an denen kritisch über die Relevanz der Wissenschaft, ihre Notwendigkeit, teils auch ihre Gefährlichkeit diskutiert wurde, sind abgeräumt. Die gefühlte Lücke wird teils durch neue Event-Formate wie die Bürgerdialoge (Medizin, Energie) des BMBF gefüllt.

Die Energiewende 2011 ist ein beredtes Beispiel für dieses gewandelte Verhältnis von Wissenschaft und Wissenschaftsjournalismus. Dem Systembruch des ersten Halbjahres, unter aktiver Einbeziehung der Wissenschaft durch die Politik (Ethikkommission), ist im weiteren Verlauf des Jahres keine sach- und problemadäquate öffentliche Diskussion des neuen Energie-Paradigmas gefolgt.  Die Wissenschaftler sind wieder im Labor, die Massenmedien warten auf die nächste Katastrophe. Getrennte Welten, weiterhin. Auf dem Trampelpfad zur  Wissenschaftsjournaille ist kaum noch Traffic.

Manfred Ronzheimer

(Teil 3 behandelt die Perspektive des Lesers und Endnutzers)

Teil 1:
http://www.lemmens-online.net/editorial/details/artikel/wandel-
der-wissenschaftskommunikation.html