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Wandel der Wissenschafts- kommunikation

06.01.2012

(1) Das Ende des Wissenschaftsjournalismus

… wie wir ihn kannten und praktizierten

Telefonzellen:  ja, es gibt sie noch. Selten und abgespeckt. Keine Glashäuschen mehr,  wie sie früher  an zentralen Orten zu finden waren und als wichtige Anlaufpunkte dienten  für die Kommunikation der Menschen untereinander. Mittlerweile stehen sie auf der Roten Liste der bedrohten Technologien.

In ähnlicher Situation ist heute der Wissenschaftsjournalismus anzutreffen: Früher ein wichtiges Kommunikations-Bindeglied zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, virtuos, engagiert, anerkannt, hofiert. Heute nur noch ein Schatten seiner selbst, von beiden Seiten gering geschätzt: von den alten Medien, die immer weniger Platz für ihn haben, ausgenommen Sensationen, aber auch schräg angesehen von der organisierten Wissenschaft, die sich eigene Kommunikationswege in die Gesellschaft und besonders wichtige Zielgruppen geschaffen hat.

Wissenschaftsjournalismus – es geht auch ohne. Das ist der neue Trend. Jüngste Entwicklung: der Abbau der Unterstützungs-Infrastruktur. Die Initiative Wissenschaftsjournalismus in Dortmund und die Fachkonferenz Wissenswerte, das Familientreffen der deutschen Wissenschaftsjournalistik in Bremen, laufen aus – beide finanziert aus Stiftungsmitteln. Das ist ein Signal, manche halten es für ein Fanal.

Die Szene ist in Veränderung. Im Folgenden sollen drei zentrale Entwicklungslinien und –optionen herausgeschält werden. Erstens der Wandel im medialen Bereich, sowohl vom Selbstverständnis des Wissenschaftjournalismus her,  wie auch von den technischen Untersetzungen, vor allem das Internet. Zweitens die Rückwirkungen auf und die Eigenentwicklung des Wissenschaftssystems selbst, das wieder exzellente Elfenbeintürme bezieht und sich dort wohl fühlt. Drittens der gesellschaftliche Marktplatz selbstbewusster Partizipations-Akteure, die auf ihre Weise – ob Plagiate, grüne Gentechnik oder CCS – der Wissenschaft Schranken oder Leitplanken errichten.

Teil 1:

Ende der 80er Jahre hatte der Wissenschaftsjournalismus in Deutschland mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung einen Professionalisierungsschub bekommen. Das Programm zielte auf die Kompetenzbildung per Personen und hatte einen gigantischen Effekt. Eine ganze Generation des Wissenschaftsjournalismus in Deutschland bekam hierdurch seine qualitätsbezogene Prägung. Bald kam auch die akademische Institutionalisierung: an der FU Berlin wurde der erste Lehrstuhl für Wissenschaftsjournalismus (Winfried Göpfert)  eingerichtet. Später engagierte sich die Bertelsmann-Stiftung. Diese Phase externer stiftungsseitiger Flankierung geht  nun zu Ende.

Innerhalb der Redaktionen von Zeitungen und Sendern wurden die Wissenschaftsressorts aufgestockt, um später, mit dem Mächtigwerden des Internet, wieder geschrumpft zu werden. Dies geschah weitgehend konfliktfrei, weil die Wissenschaftsressorts auch in der Blütezeit immer in  ihrer Fachnische verharrten und keine „Politisierung“ zustande brachten. Berichterstattung über Wissenschaftspolitik und systematische kritische Begleitung des Wissenschaftsbetriebs ist in nach wie vor ein Desiderat in Deutschland  – einzelne Ausnahme bestätigen die allgemein gültige Regel. Wissenschaftsjournalismus war zu sehr Affirmationsjournalismus geblieben. In neuen Medienzeiten, wo alle Kanäle von einseitigen PR-getriebenen Darstellungen geflutet werden, wird ein solcher Journalismus nicht mehr gebraucht.

Manfred Ronzheimer

Fortsetzung nächste Woche