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Vom König zum Bettelmann

28.03.2012

Wandel der Wissenschaftskommunikation (3): Der Leser

Das alte Mediensystem hatte als Ziel- und Fluchtpunkt den Leser in seiner Doppelgestalt. Man könnte ihn König Janus nennen, denn ein König, als Besitzer des Geldes, das andere haben wollen, ist er allemal. Janusköpfig zum einen als Staats- und Bildungsbürger, für den auch die Pressefreiheit garantiert wird. Zum anderen als Konsument, für den Nachrichten von den Pressewirtschaftsbetrieben eher als Anzeigenumfeld produziert werden. Frei war der Leser in der Nutzung, gekettet war er an die Formate Print und Funk.

Mit dem Internet läuft das Spiel – technisch - anders. Und auch die Position des Lesers, seine Funktion, verändert sich. Wir wollen hier näher betrachten, wie sich das auf die Kommunikation von Wissenschaftsthemen auswirkt.

Punkt 1  Informationsfreiheit

Das Internet als Informationskanal brachte dem Leser als User zwei neue Freiheiten: Zugriffe auf Informationen ohne Platz- und Sendezeitlimitierungen. Und zweitens bei den meisten Informationen auch die Bezahl-Freiheit. Für die Gesamtrechnung muss man aber abziehen: Die Freiheit zur Informationssuche ist zeitfressend, früher fand diese Arbeit in den Redaktionen statt. Der Leser hatte Convenient Information. Was im Lebensmittelgeschäft der große Trend ist, fertig zubereitete Gerichte, läuft im Internet bei der Wissenschaftsinformation in die andere Richtung: man konsumiert bevorzugt Rohmaterialien. Verlust Nummer 2 ist der Qualitätsfilter, den früher ebenfalls die Redaktion vorschaltete. Heute fließt alles ins Internet: High-Information, aber auch Schrott und viel Irreführung (PR).

Punkt 2  Gratiskultur

Im Internet will der Leser für den Artikel, dessen Herstellung er in der Zeitung mit der Abo-Gebühr klaglos finanziert, nunmehr nichts bezahlen. Der König wird zum Bettelmann. Dass gute Information, gute Artikel, nur durch Arbeit von Journalisten zustande kommen, spielt bei dieser Sichtweise keine Rolle. Information hat frei zu sein. Und tatsächlich: mit einer solchen Haltung lassen sich sogar Pyramiden bauen. Wikipedia ist die bekannteste von ihnen. Neben diesem Free-Mainstream haben sich im Internet andere Erlösstrukturen – gerade für unabhängige Medien-Arbeiter – nicht etablieren können. Crowd Funding ist ein kleiner Alternativ-Ansatz. Die Verlage wollen in der neuen Mobil-Welt die Gratiskultur für ihren Content von vorneherein unterbinden.

Punkt 3 Contentsterben

Im digitalen Wandel sind die Print-Medien im Niedergang. Sie werden geschrumpft, und das Wissenschaftsressort gehört zu den ersten, die umfänglich und qualitativ abgebaut werden. In der Wissenschaftsmetropole Berlin (so steht’s immer in der Zeitung) kann man diesen Verfallsprozess mit Tränen in den Augen beobachten. Das große Medien-Rätsel ist: der Leser nimmt’s hin. Es gibt eine unausgesprochene Akzeptanz zum Wissenschafts-Abbau in den klassischen Medien, weil sich der Leser sagt: Ich kann mir die Information ja im Internet holen. Das ist aber ein Trugschluß (Punkt 1). Die Weigerung der Leser, sich für den Erhalt von Qualitäts-Journalismus einzusetzen, produziert den Niedergang des Wissenschaftsjournalismus.

Diese Scheuklappen-Haltung ist nicht einzigartig. Auch in anderen Feldern führt das Diktat der Billigheimer zu furchtbaren Strukturen: ohne den deutschen Wahn, Lebensmittel zu den billigsten Preisen in ganz Europa bekommen zu müssen, gäbe es keine industrielle Massentierhaltung in diesem Ausmaße mit ihrem massiven Antibiotikaeinsatz und der sich anschließenden Verbreitung resistenter Erreger auch beim Menschen, usw.

Punkt 4  Partizipation

Läßt sich die Situation ändern? Sicherlich, aber nur mit dem Leser. Überall in der Zivil-Gesellschaft sprießen – wenn sich der Wut-Bürger beruhigt hat – die Partizipationsmodelle. Jüngste Mode im Öko-Bereich ist die Nachhaltigkeits-Bewegung in den Städten unter dem Label „Transition Towns“. Bürger warten nicht länger auf das allumfassende Weltklima-Abkommen und die Energiewende, sondern packen die Veränderung in ihrem Nahfeld-Bereich an. Der schmackhafte Aspekt davon ist das „Urban Gardening“, der Gartenbau daheim, Salat aus dem Hinterhof. Ein anderer Aspekt sind kollektive Mobilitätsmodelle, die mit dem Umbau  zur Elektromobilität einhergehen.

Um jetzt die Kurve zur Wissenschaftskommunikation zu kriegen: Warum soll es nicht gelingen, in einem solchen Kontext auch eine neue „Informations-Ökologie“ zu generieren, zu probieren und zu verbreitern. Nicht die Kiez-Blättchen, die es ja schon in bunter Vielfalt gibt. Sondern einen neuen medialen Ansatz – lass es Print, lass es online sein – mit dem sich „Citizen Science“, ein bürgerschaftliches Engagement für Wissenschaft, auch neue mediale Kanäle gibt.

Sicher, das hört sich heute utopisch an, weil’s nicht da ist. Aber ich bitte zu bedenken: Die Zukunft kann schon morgen um die Ecke kommen.

Manfred Ronzheimer

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Wandel der Wissenschaftskommunikation (2)

Das Wissenschaftssystem: Vom Marktplatz zurück in den Elfenbeinturm

zum ausführlichen Text

 

Wandel der Wissenschaftskommunikation (1)

Das Ende des Wissenschaftsjournalismus

zum ausführlichen Text