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Promotionen: Die nächste Reformbaustelle

20.07.2011

Plagiats-Sünder sind nur die eine Seite der Medaille

Wie das Internet die Wissenschaft verändert: „GuttenPlag“ und vergleichbare Portale haben die elektronische Fahndung nach Promotions-Plagiatoren binnen weniger Monate perfektioniert. Die Such-Netze zum Aufspüren von Dissertationsfälschern werden immer feinmaschiger. Die Haltet-den-Dieb-Veranstaltung findet zudem in den Medien große Aufmerksamkeit, was aber daran liegt, dass es Politiker mit Doktorgrad sind, die im Fokus stehen.

Jenseits des medialen Hypes, der wieder abklingen wird, sind indes zwei Sachverhalte festzuhalten, die von langfristiger Wirkung sein dürften.

1. Die „Guttenplag“-Initiative mit ihrer Dynamik als „Selbstreinigung der Wissenschaft“ ist eine Aktivität von unten. Einzelne empörte Forscher, meist jüngeren Alters, haben die Plagiatsfahndung angestoßen, treiben sie mit hohem Freizeitengagement voran, und wollen auch deshalb – weil sie am unteren Ende der wissenschaftlichen Karriereleiter stehen – in der großen Mehrzahl anonym bleiben. Man weiß: Das Imperium schlägt zurück.

Das wissenschaftliche Establishment wirkt – angesichts des inzwischen bekannt gewordenen Ausmaßes an wissenschaftlichem Betrug – noch immer konsterniert und passiv. Bei der Verteidigung der Bundeskanzlerin am Anfang der Guttenberg-Affäre, sie habe einen Minister eingestellt und keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter, ging lediglich ein kopfschüttelndes Raunen durch die Reihen der Wissenschafts-Granden. Deutlicher war da schon die jüngste und eindeutige Stellungnahme der Wissenschaftsorganisationen zum Fall Koch-Mehrin.

Die Such-Erfolge der Plagiats-Jäger am Fuß der Wissenschaftspyramide werden nunmehr von den Repräsentanten an der Spitze anerkannt und in den politischen Raum hinein verteidigt.

Der nächste Schritt müsste der zu infrastrukturellen Maßnahmen erweiterter wissenschaftlicher Qualitätskontrolle sein.

2. Zur Verteidigung der am Pranger stehenden Sünder muss eingewandt werden, dass sie (neben ihrer Täterrolle als Fälscher) zugleich Opfer eines Systemfehlers sind. Diesen Systemfehler gilt es jetzt zu beheben.

Das deutsche Wissenschaftssystem lässt es zu, fördert es nachgerade, dass eine hohe Zahl von Personen, die nicht an einer wissenschaftlichen Karriere interessiert sind, an einer Hochschule eine wissenschaftliche Doktorarbeit einreichen können. Es liegt auf der Hand, dass sich diese Berufspraktiker schwertun, sich an den Wochenenden so sehr in die Wissenschaftsmaterie zu vertiefen, dass a) eine originäre Arbeit ensteht und b) eine originelle in dem Sinn, dass sie einen substanziellen Fortschritt der Forschung verkörpert. Kein Wunder, wenn viele der so Überforderten intensiv fremdes Wissen übernehmen und damit regelwidrig verfahren. So weit hätte es nie kommen dürfen. Das Wissenschaftssystem, hier die Hochschulen mit ihren Doktorvätern und Promotionsordnungen, hätte frühzeitig einen Qualitätsriegel vorschieben müssen. Das ist unterlassen worden. Werden in Deutschland pro Jahr wirklich 25.000 Dissertationen gebraucht? Wieviele davon sind für den wissenschaftlichen Fortschritt nötig, wieviele werden nur für das "Dr."-Türschild geschrieben?

Hier muss eine tiefgreifende Reform angepackt werden, eine Strukturreform des Promotionswesens in Deutschland. Dieser Prozess wird sich allerdings nur top down von den Spitzen des Wissenschaftssystems durchsetzen lassen. Das braucht freilich langen Atem und ist mit der hektischen Dynamik der Plagiats-Jäger nicht zu erreichen. Wer packt's an?

Manfred Ronzheimer für Lemmens Online