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Heißer Streit um kalte Sonne

19.02.2012

Drei Ebenen der Auseinandersetzung um ein umstrittenes Klimabuch

„Der Weltklimarat irrt. Die Klimadebatte muss neu geführt werden“. Mit diesen Worten wirbt der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe für das neue Buch, das der ehemalige Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt zusammen mit seinem RWE-Kollegen Sebastian Lüning verfasst hat: „Die kalte Sonne. Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet“. Seit dem Erscheinen Anfang Februar findet eine hitzige Debatte über deren klimaskeptischen Thesen statt. Interessant und symptomatisch ist dabei vor allem die Mehrstufigkeit der Diskussion: 1. das mediale Ereignis, 2. der wissenschaftliche Faktenstreit, 3. die energiepolitischen Folgewirkungen.

Bei der medialen Inszenierung hat der Verlag alle Werbe-Register gezogen. Die Bild-Zeitung schob eine groß aufgemachte Wissenschaftsserie für drei Tage  ins Blatt, prominent auf Seite 2 : „Die CO2-Lüge“. Eindeutig parteilich. „Der Spiegel“ gab sich inhaltlich distanzierter, bot Vahrenholt aber zum Tag des Erscheinens ein mehrseitiges Interview, in dem er seine Behauptungen verbreiten konnte. Auch Fernseh-Medien (Phoenix) luden den Energie-Manager ein.

Auffallend ist, dass der weit überwiegende Teil der Qualitätspresse sich sofort im Anti-Lager positionierte. Der übliche Schritt, zunächst die Position des Kritikers darzustellen, bevor die Gegenposition dran kommt, entfiel weitgehend. Dafür wurden die zentralen Aussagen des Buches von den Umwelt- und Wissenschaftsredakteuren kenntnisreich zerpflückt. Das hat zwei Gründe: Man steckt gut im Faktenstoff der Klimadebatte. Und zweitens bot das Buch inhaltlich keine Neuigkeiten. Neu war lediglich der Autor zu diesem Thema.

Etage 2 ist die Behandlung der Fakten innerhalb der Wissenschaft. Der Einfluß der solaren Aktivitäten auf das Klimageschehen wurde schon früher ins Spiel gebracht  und ist bis heute ein „big point“ der „Klimaskeptiker“.  Kontinuierlich wurden ihre Einlassungen von den Wissenschaftlern des IPCC widerlegt. Allein, in den USA haben die Zweifel an den Befunden der übergroßen Mehrheit der Klimaforscher weiter zugenommen und faktisch dazu geführt, dass die Warnungen vor Klimaveränderungen politisch überhört werden.

Neu ist, dass mit dem Vahrenholt-Buch die klimaskeptischen Argumente gebündelt und um Medienwirkung angereichert werden. Ob diese Positionen auch in der deutschen Klimaforschungen zu Kurskorrekturen führen werden, darf indes bezweifelt werden. Bisher hat sich innerhalb der wissenschaftlichen Szene kein heimischer Klimaforscher den Aussagen  des Fach-Außenseiters Vahrenholt angestoßen. Gleichwohl bleibt das Umkippen der Klimadebatte in den USA ein Phänomen eigener Art. Könnte es auch auf Deutschland bzw. Europa überschwappen? Der jüngste Weltklimagipfel hat keine Indizien in dieser Richtung geboten.

Der gewichtige Hintergrund als Etage 3  der Auseinandersetzung um das Buch eines leitenden Managers in einem Energiewirtschaftsunternehmen ist selbstredend die Energiepolitik. Vahrenholt hat in allen Äußerungen, auch bei der Präsentation des Buchs in der Hamburger Landesvertretung in Berlin, immer zu verstehen gegeben, dass es ihm um politische Ableitungen geht. Etwa bei der Korrektur der massiv einseitigen Förderausgaben für die Photovoltaik. Debatten dieser Art sind seit der Energiewende seit Fukushima in der Tat gekommen, auch wenn sie im Pionierland Deutschland noch zu wenig dynamisch und veränderungsorientiert geführt werden.

Tatsächlich werden für diese Themen-Arena der neuen Energiepolitik samt ihrer technischen Infrastrukturen auch neue Bücher mit Fakten und Motivierungen gebraucht. Es wäre sicherlich zielführender gewesen, Vahrenholt und sein  Partner hätten ein solches Buch geschrieben. Es wäre auf jeden Fall authentischer aufgenommen worden- und damit von größerem Argumentations-Gewicht,  als dieses 445-Seiten-Wälzer von Freizeit-Klimaforschern.

Manfred Ronzheimer