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Die geplante Revolution

19.04.2011

Warum Umweltforscher für Gesellschaftsveränderung werben

Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat dieser Tage der Bundesregierung sein jährliches Empfehlungsgutachten übermittelt, zumindest in einer Policy-Kurzfassung. Aber auch diese 28 Seiten – mit dem Titel „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ - haben es schon in sich. Es geht um nichts geringeres als die „dringende Notwendigkeit einer post-fossilnuklearen Wirtschaftsweise“, mehr noch: Um die Überwindung der „globalen Krise der Moderne“.

Wie es sich für Wissenschaftler gehört, wird zunächst das Problem – die Globale Umweltveränderung – in den Ursachen analysiert, die bedrohlichen Folgen extrapoliert und zu deren Abwendung oder Verringerung die Lösungsansätze in 10 Maßnahmefelder sortiert. Die Empfehlung einer „Zukunft ohne Nuklearenergie“ ist schon vor Überreichung der Studie an Umweltminister Röttgen und Forschungsministerin Schavan in der Politik angekommen. Eine ähnliche Dynamik würde man sich beim Ausstieg aus dem fossilen Energiesystem wünschen. Soweit, so gut. So funktionierte das Geschäft des Rates in den letzten 20 Jahren seines Bestehens (Hoffentlich gibt`s zum Geburtstag im nächsten Jahr eine kritische Evaluation: Was aus unseren Empfehlungen wurde ... und warum nicht).

Mit Technologien allein ist die Welt nicht zu retten

Neu ist in diesem Jahr, dass die Experten ihre fachlich-technischen Ratschläge vor allem zur Energietechnik in einen bemerkenswerten gesellschaftspolitischen Rahmen stellen. Tenor: Technik allein wird uns nicht retten, es muß sich die Gesellschaft ändern. Eingefordert wird ein neuer „Gesellschaftsvertrag“ (Rekurs Rousseau) der „bald neun Milliarden Menschen mit sich und der Natur“ - einen neuen „Contrat Social“ , um die „große Transformation“ (Rekurs Polanyi) in Gang zu bringen. Kurzum: die Umweltgutachter empfehlen nicht nur den Umstieg in eine klimaverträgliche Energieproduktion und -verwendung, sondern grundlegend den Ausstieg aus dem fossil-basierten Industriesystem der letzten drei Jahrhunderte. So wie damals der Abschied von agrarisch verfaßten Gesellschaft sich als „industrielle Revolution“ vollzog, ist nunmehr eine ebenso grundstürzende Veränderung nötig, finden die Wissenschaftler. Diesmal allerdings nicht, um den Menschen durch Ausbeutung der Natur zu Wohlstand und Glückseligkeit zu verhelfen, sondern um zu einem neuen Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur zu gelangen. Fürwahr eine zivilisationshistorische Kurswendung. Mehr Revolution als Transformation.

Das liegt nun auf dem Kabinettstisch. Wie sollen unsere Vier-Jahres-Politiker damit umgehen? Womöglich doch nicht so wie in den letzten 20 Jahren. Dem Primat der – demokratisch legitimierten – Politik, dem sich bis jetzt die Wissenschaften untergeordnet haben, stellt sich immer vernehmbarer ein Primat der Gesellschaft gegenüber. Die Empfindung für diese Veränderung hat auch den WBGU-Autoren die Feder geführt. Politik kann zwar Rahmenbedingungen setzen – aber ohne die Gesellschaft und ihre Aktivierung in dieser Richtung wird die Große Transformation nicht gelingen.

Allerdings ist das auch das Ende herkömmlicher wissenschaftlicher Politikberatung. Politikberatung zielt mit Fakten und Argumenten auf die Köpfe der politischen Entscheider. Gesellschaftsveränderung nach dem Muster der Großen Transformation hat als entscheidenden Hebel in der breiten Masse die Herzen der Menschen. Das verlangt andere Schriften als wissenschaftliche Expertengutachten. („Empört euch!“)

Noch eine Bemerkung zum Ideentransfer in der kleinen Stadt Potsdam. Mit starker Unterstützung durch WBGU-Chef Schellnhuber konnte hier Klaus Töpfer 2009 sein IASS Institut für Nachhaltigkeitsstudien eröffnen. Einer der ersten Arbeitscluster des Öko-Thinktanks hat das Thema „Globaler Gesellschaftsvertrag für Nachhaltigkeit“.

Manfred Ronzheimer

http://www.wbgu.de/

Klimaverträgliches Wirtschaften und nachhaltige Entwicklung - Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation
Pressemitteilung, 7. April 2011.

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