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Neue Blüte für jüdische Gelehrsamkeit

23.09.2013

K. Rüdiger Durth

Das Wachsen der jüdischen Gemeinden in den zurückliegenden Jahrzehnten führt erfreulicherweise auch zu einem Anstieg der jüdischen Bildungseinrichtungen in Deutschland

Foto: Gerald Henseler/Pixelio

Jüdische Gelehrsamkeit, Theologie und Bildung blühen heute wieder auf in Deutschland. Dafür bin ich zutiefst dankbar“, schrieb kürzlich Bundespräsident Joachim Gauck in seinem Glückwunsch zu Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest 5774 (2013/14). Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte in einem Grußwort an die über 100.000 Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Deutschland, die als wachsende Gemeinschaft in Deutschland ihren Traditionen zu neuer Blüte verhelfe:

„Die wissenschaftlichen Ausbildungsstätten für angehende Rabbiner und Kantoren sind nur ein Beispiel dafür. Auch an der Einrichtung eines Lehrstuhls für die Geschichte der jüdischen Musik und an der Eröffnung des konservativen Rabbinerseminars können wir mitmachende Entwicklungen ablesen, die in Europa einzigartig sind. Dazu zählt auch, dass – ganz im Geiste Abraham Geigers – die jüdische Theologie in Deutschland einen gleichberechtigten, festen Platz im Haus der Wissenschaften erhält. Für dieses zukunftsweisende Signal auch weit über unsere Landesgrenzen hinaus bin ich sehr dankbar.“

Im 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gehörten jüdische Wissenschaftler zu den besten in Deutschland. Von den 15 deutschen Nobelpreisträgern der Weimarer Republik waren fünf Juden, darunter Albert Einstein und Gustav Hertz. Aber auch nach dem 2. Weltkrieg lehrten in Deutschland berühmte jüdische Wissenschaftler, darunter der Theologe und Philosoph Martin Buber. Der Rassenwahn der Nationalsozialisten führte zu einem Kahlschlag der jüdischen Intelligenz in Europa und zum Mord an sechs Millionen Juden.

Zu den großen Ärgernissen der Gegenwart zählt die Tatsache, dass Polizei und Sicherheitsdienste nach wie vor Synagogen und jüdische Bildungseinrichtungen schützen müssen. Nicht dieser Schutz ist ärgerlich, sondern allein die Tatsache, dass jüdische Einrichtungen nach wie vor auf den Schutz angewiesen sind, um Anschläge zu verhindern. Hingegen steht keine christliche Kirche und auch keine christliche Schule unter Polizeischutz. Und das ist auch gut so. Zu hoffen bleibt, dass auch in naher Zukunft der polizeiliche Schutz für jüdische Einrichtungen überflüssig wird.

Für Schlagzeilen sorgen sie kaum, die zahlreichen jüdischen Bildungseinrichtungen in Deutschland, Ihre Vielfalt war noch nie so groß seit der Shoa wie heute. Eng ist auch die Zusammenarbeit deutscher und israelischer Wissenschaftler. Denn das 8,6 Millionen Einwohner zählende Israel gehört zu den Staaten mit den höchsten wissenschaftlichen Standards, die sich in großen Erfolgen für Forschung und Wirtschaft niederschlagen.

In Deutschland war die jüdische Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf 20.000 bis 30.000 Mitglieder zurückgegangen. Selbst in zahlreichen Städten war selbst ein eingeschränktes Gemeindeleben kaum möglich. Das hat sich in den zurückliegenden beiden Jahrzehnten durch einen starken Zuzug aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion grundlegend geändert. So zählt Berlin heute wieder über 11.000 jüdische Gemeindeglieder. In zahlreichen Städten sind neue Synagogen ihrer Bestimmung übergeben worden. Zuletzt in Ulm in Anwesenheit von Bundespräsident Joachim Gauck.

Durch das Gemeindewachstum wurden nicht nur neue Synagogen errichtet, sondern auch Bildungseinrichtungen geschaffen. In Heidelberg wurde 1979 die erste jüdische Ausbildungsstätte seit der Shoa errichtet, die Hochschule für jüdische Studien. Angeboten werden die Abschlüsse BA und MA in jüdischen Studien und ein BA für jüdische Gemeindearbeit.

Die Heidelberger Hochschule, seit 2007 Mitglied der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), begann mit 16 Studierenden. Heute ist sie auch bei jungen Menschen sehr gefragt und hat Promotionsrecht. Weit über 100 Studierende sind eingeschrieben und die Kooperation mit der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg funktioniert sehr gut.

Auch Potsdam hat sich zu einem Zentrum jüdischer Studien entwickelt. So werden am beigeordneten Abraham – Geiger - Institut liberale und konservative Rabbiner ausgebildet und das Land Brandenburg hat durch Änderung seiner Hochschulordnung auch den Weg freigemacht für die Berufung jüdischer Professoren (analog zur Berufung von Theologieprofessoren in anderen Bundesländern) an die Potsdamer Universität.

Inzwischen existieren allein in Berlin drei jüdische Grundschulen und eine jüdische Oberschule mit mehreren hundert Schülern (auch nicht-jüdische). Jüdische Grundschulen bestehen auch in anderen Städten. Und in 18 Städten bestehen auch jüdische Kindergärten. An zahlreichen deutschen Universitäten kann das Fach „Jüdische Studien“ belegt werden.

Jüdische Volkshochschulen, die allen offenstehen und auch Sprachkurse in Hebräisch und Jiddisch anbieten, bestehen in Berlin, Frankfurt und München. In zahlreichen deutschen Städten bestehen auch jüdische Lehrhäuser, die Einblick in das jüdische Leben geben. Mit solchen Lehrhäusern beteiligen sich die Juden seit langem auch an Kirchen- und Katholikentagen.

1933 lebten im Deutschen Reich rund 525.000 Juden. Einem großen Teil von ihnen gelang rechtzeitig die Flucht. 170.000 deutsche Juden wurden bis 1945 ermordet. Die meisten ermordeten Juden jedoch stammten aus dem außerdeutschen Europa. 1948 forderte der Jüdische Weltkongress dazu auf, dass kein Jude mehr deutschen Boden betreten sollte. Als Deutschland Anfang Mai 1945 kapitulierte, lebten auf deutschem Boden noch schätzungsweise 15.000 Juden.

Das große Wachstum der jüdischen Gemeinden in Deutschland begann nach dem Fall des Eisernen Vorhangs durch den Zuzug aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion. Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Juden gegenwärtig über 200.000 beträgt. Von diesen bekennt sich jedoch nur etwas über die Hälfte auch offen zum Judentum und zur Synagoge. Höchstes Organ der jüdischen Gemeinden ist der Zentralrat der Juden in Deutschland mit Sitz in Berlin, der auch eine eigene Zeitung herausgibt, die „Jüdische Allgemeine“.