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Besser lernen nach der Schule

23.08.2015

Manfred Ronzheimer

In Deutschland boomen Schülerlabore und andere außerschulische Lernorte

Bild: BBB Management GmbH Campus Berlin-Buch

Maulwürfe in der Region Kassel, aufgepasst! Zwei 14-jährige Schüler haben Euch mit einer neuen Vertreibungstechnik den Kampf angesagt. Ihre „Maulwurfscheuche“ ist ein kleiner Apparat, der wechselnde Töne und Vibrationen ins Erdreich schickt. Das haltet Ihr nicht aus! Erfolgreicher Test im Schwimmbad Harleshausen: die Liegewiese war bald wieder ohne die störenden Erdhügel.

Was die beiden Kasseler Pennäler Conrad Ullrich und Felix Nolte in ihrer Freizeit am Schülerforschungszentrum Nordhessen ertüftelten, ist kein Einzelfall. Im Juli zum Beispiel wurde im Stuttgarter Haus der Wirtschaft eine Papier-Recycling-Maschine für den Hausgebrauch ausgezeichnet, die drei Jung-Erfinder aus dem Schülerforschungszentrum Südwürttemberg in Bad Saulgau entwickelt hatten. Mit umweltfreundlichen Chemikalien werden die Papierreste zersetzt und der Brei zu wieder verwendbarem Toilettenpapier oder Küchenkrepp geformt. Eine komplette Recycling-Industrie könnte eingespart werden.

Schülerforschungszentren sind die „Oberstufe“ der Schülerlabore, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem kargen Boden der deutschen Bildungslandschaft sprießen. Viele Schüler erreicht der klassische Lehrplan-Unterricht nur in Teilen: der Stoff ist ihnen zu abstrakt oder lässt zu viele Fragen offen. Sie schalten innerlich ab. In Schülerlaboren, in denen vor allem die naturwissenschaftlichen Fächer „zum Anfassen“ und „Selbermachen“ präsentiert werden, blühen sie auf und lassen der jungen Kreativität freien Lauf. „Unser Kepler-Seminar für Naturwissenschaften, das 1983 als eines der ersten seiner Art gegründet wurde, will Jugendliche aus dieser Wissens-Isolation befreien“, sagt Bernd Horlacher aus Stuttgart. Der pensionierte Lehrer leitet heute ehrenamtlich das Kepler-Seminar, das über eine Stiftung aus Mitteln der Familie von Robert Bosch finanziert wird. In Arbeitsgruppen zu den Fächern

Biologie, Chemie, Experimental- und Theoretische Physik sowie Robotik/Informatik werden jährlich rund 100 Schülerinnen und Schülern aus dem Stuttgarter Raum an Hightech-Themen herangeführt. Die Veranstaltungen mit Wissenschaftlern aus Hochschulen und Industrie finden meist am Samstag statt. In einigen Fällen wird auch die Teilnahme an internationalen Wettbewerben von Jung-Erfindern unterstützt. „Schülerlabore bieten etwas“, sagt Horlacher, „was Schulen niemals leisten können“. Der frühere Oberstudienrat muss es wissen.

„Es ist eine Graswurzelbewegung“, benutzt Olaf Haupt einen Begriff, der diametral der staatlich gelenkten Bildungspolitik von oben gegenübersteht. Wahrscheinlich auch dies ein Grund für den Boom der Schülerlabore, von denen es heute 311 in Deutschland gibt, die von über 700.000 Jugendlichen im Jahr genutzt werden. Haupt ist Geschäftsführer des Bundesverbandes der Schülerlabore „Lernort Labor e.V.“. Der promovierte Meeresforscher hat vorher am LeLa-Vorgängerprojekt am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Uni Kiel gearbeitet. Der Bundesverband will eine Vernetzung und Qualitätssicherung der außerschulischen Bildungsorte erreichen. Noch sind nicht alle dabei: „Wir haben 70 bis 80 neue Schülerlabore recherchiert, die wir vorher noch nicht kannten“, sagt der Geschäftsführer. „Eine Sättigung ist noch nicht abzusehen.“

Zu den ersten Schülerlaboren in Deutschland zählt das 1999 gegründete „Gläserne Labor“ am Biotechnologiepark in Berlin-Buch. Zuerst als allgemeines Informationszentrum für den Wissenschafts-Standort gedacht, liefen bald die Schülergruppen allen anderen Besuchern den Rang ab. Mit seinem Angebot an praktischen Experimenten in der Zellbiologie, Genforschung und molekularen Medizin zieht das Gläserne Labor jährlich über 12.000 Schüler an den Nordrand Berlins. Getragen wird es vom Standortmanagement des Wissenschaftsareals, der BBB Management GmbH Campus Berlin-Buch.

Nach Angaben Haupts haben die Schülerlabore im Durchschnitt einen bis drei feste Mitarbeiter. Hinzu kommen ehrenamtliche Helfer, viele von ihnen aus dem universitären Bereich. Finanzielle Träger sind zum größten Teil die Universitäten und öffentlichen Forschungszentren sowie Vereine. Die Industrie unterhält rund zehn Prozent der Labor. Der Chemieriese Bayer ist allein mit vier Einrichtungen, darunter ein Schülerlabor, in dem pharmazeutische Produktentwicklung gelernt werden kann. Bei den Wirtschaftsunternehmen ist zudem das langfristige Interesse an dieser Form der Bildungsförderung an deutlichsten erkennbar. Es herrscht Mangel an MINT-Fachkräften mit einer Ausbildung in den Fächern Mathematik, Informatik. Natur- und Technikwissenschaften. Allein bei den Ingenieuren fehlen in Deutschland nach Angaben der Wirtschaft zwischen 30 bis 50.000 Fachkräften. Frühes Personal-Recruiting ist für die deutsche Industrie überlebenswichtig.

Die Aktivität hat sich inzwischen zu bundesweit rund 16.000 „MINT-Lernorten“ entfaltet, so LeLa-Geschäftsführer Haupt. Dazu zählen Tage der offenen Tür, Girl’s Days und Kinderunis. „Alle außerschulisch, das ist wichtig“, unterstreicht Haupt für seine Lernlabore. „Die Schüler sollen die Scheu vor Wissenschaft und Technik verlieren. Es sitzt kein Lehrer daneben“. Ein Motivationsmotor ist das selbständige Arbeiten an wissenschaftlichen Fragen und technischen Problemen: Learning by doing. „Ein Gendergap existiert in den Schülerlabors nicht – Jungen und Mädchen sind gleichermaßen begeistert“, berichtet Haupt. Der entscheidende Punkt für ihn ist, „dass ein Impuls für ein bleibendes Interesse an diesen Themen gegeben wird“.

Der Erfolg des außerschulischen Lernens war anfangs so nicht abzusehen. Heute kann der Geschäftsführer des Bundesverbandes die Zwischenbilanz ziehen: „Die Schülerlabor-Szene, wie wir sie in Deutschland haben, ist einmalig in Europa“. Allerdings steht das Erreichte auf wackligem Fundament. Zwar gibt es inzwischen ein Förderprogramm der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) für Schülerlabore. Und die Deutsche Telekom-Stiftung hat ein eigenes Projekt für Lehrerbildung an diesen Orten aufgelegt. Das Bundesforschungsministerium gab 2,6 Mio. Euro für ein Anschub-Vorhaben. Beim Blick auf die Gesamt-Landschaft räumt Haupt ein: „Viele Lernorte kämpfen ums Überleben“. Es hänge „viel von einzelnen Personen ab“. Wenn ein Bildungs-Initiator etwa in Rente geht, kann schnell Schluss sein. Manche Schülerlabore haben in den letzten Jahren auch wieder dicht gemacht.

Wichtig ist daher dem Bundesverband, größere Institutionen, vor allem die Universitäten, zu einer dauerhaften Unterstützung zu gewinnen. Das braucht nicht immer die Dimension der Uni Kassel zu sein, die ein Schülerforschungszentrum für fünf Millionen Euro gebaut hat, mit 15 hauptamtlich Beschäftigten. Kontinuierliche Betreuung ist wichtig. Ein zweites Zukunftsziel der Schülerlabore ist ihre stärkere regionale Vernetzung untereinander. „Netzwerke haben den Vorteil, dass sie besser mit der lokalen Bildungspolitik verbunden sind“. Bereits etablierte Netzwerke gibt es in Bayern, Berlin, Hamburg und dem Saarland.

 

Bild: BBB Management GmbH Campus Berlin-Buch